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Ankaras Ambitionen

Brückenkopf des Westens, Bollwerk im Kalten Krieg: so wurde die Türkei im Westen jahrzehntelang gesehen. Jetzt erleben wir eine neue Türkei: ein zunehmend selbstsicher auftretendes Land, das in die Rolle einer regionalen Ordnungsmacht hineinwächst und sein geostrategisches Gewicht in die Waagschale wirft; ein Land, das seinen europäischen Partnern signalisiert: Mehr als die Türkei Europa braucht, braucht Europa die Türkei.

Vor allem Israel bekommt nun das wachsende Selbstbewusstsein der neuen Türkei zu spüren: Die Regierung in Ankara löst sich aus der engen strategischen Allianz mit Jerusalem, die 1996 von den Militärs beider Länder eingefädelt wurde und letztlich eine Reminiszenz des Kalten Krieges war. Stattdessen knüpft Premier Tayyip Erdogan jetzt immer engere Kontakte zu den östlichen Nachbarn. Mit dem "Erbfeind" Armenien verständigte sich die Türkei auf eine Normalisierung der Beziehungen. Mit Syrien unterzeichnete sie drei Dutzend bilaterale Verträge, darunter einen über enge Zusammenarbeit in Militärfragen. Von einem Besuch in Bagdad brachte Erdogan vergangene Woche nicht weniger als 48 Abkommen nach Hause. Kommende Woche will er nach Teheran reisen.

Und auch mit Russland werde sein Land in Kürze eine Vereinbarung über eine "strategische Kooperation" unterzeichnen, kündigte Erdogan am Dienstag an. Russland ist für den türkischen Premier ein wichtiger Partner bei seinem Bemühen, die Feindschaft mit Armenien zu begraben und den südlichen Kaukasus durch eine Lösung des Konflikts um Berg Karabach zu stabilisieren.

Hinter der neuen türkischen Außenpolitik stehen weniger machtpolitische als handfeste wirtschaftliche Interessen: Länder wie der Irak, Iran und Syrien bilden einen riesigen Markt für türkische Exporteure, Bau- und Logistikunternehmen. Mit einer Öffnung der armenischen Grenze würden sich für die Türkei neue, kürzere Handelswege nach Mittelasien öffnen. Auch Russland wird für die Türkei ein zunehmend wichtiger Mitspieler in der Energiepolitik. Das zeigt jetzt das gemeinsame Projekt der Trans-Anatolien-Pipeline, die russisches Erdöl vom Schwarzen Meer zum Mittelmeerhafen Yumurtalik bringen soll.

Architekt der neuen türkischen Außenpolitik ist Ahmet Davutoglu, ein brillanter Stratege, der schon als Politologieprofessor an der Marmara-Universität in wissenschaftlichen Veröffentlichungen vieles von dem darlegte, was er nun als Außenminister in praktische Politik umzusetzen versucht. Was Davutoglu vorschwebt, wenn er sein Land als Ordnungsmacht sieht, welche "die Verhältnisse in der Region formt", ist letztlich eine Führungsrolle der Türkei in der islamischen Welt. Wenn das gelingt, sollten Europa und die USA dankbar dafür sein, dass die Türkei diese Rolle übernimmt und nicht instabile Staaten wie Pakistan, Ägypten oder Indonesien.

Während man in Washington die künftige geostrategische Bedeutung der Türkei früh erkannt hat, ist vielen Europäern diese neue Türkei unheimlich. Sie sehen das Land immer noch in den Kategorien des Kalten Krieges: als einen Bündnispartner, von dem man militärische Verlässlichkeit, aber keine eigene, proaktive Außenpolitik erwartet. Doch mit dieser alten Rolle will sich die Türkei nicht begnügen. Sie ist inzwischen auf Rang 17 der weltgrößten Volkswirtschaften aufgestiegen. Und sie hat seit 2002 unter der Einparteienregierung der islamisch-konservativen AKP trotz aller schwelenden Konflikte zu einer politischen Stabilität gefunden, die vor einem Jahrzehnt niemand für möglich gehalten hätte.

Jahrzehntelang saß die Türkei geduldig im Wartezimmer Europas. Jetzt wendet sie sich ihren Nachbarn zu und beginnt, die Kräfteverhältnisse in der Region aktiv zu gestalten. Das ist auch eine Reaktion auf die unentschlossene Türkei-Politik jener Europäer, die offen gegen einen EU-Beitritt argumentieren oder das Land immer weiter hinzuhalten versuchen. Zweifellos ist die anfängliche Europa-Euphorie in der Türkei längst der Enttäuschung gewichen. Die neue türkische Außenpolitik aber als eine Absage an Europa zu interpretieren wäre falsch.

Schon 1963 hat die damalige EWG der Türkei mit der Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens die spätere Vollmitgliedschaft fest versprochen. Seinerzeit wurde der Präsident der Europäischen Kommission, Walter Hallstein, übrigens ein CDU-Politiker, nicht müde zu unterstreichen, die Türkei gehöre zu Europa. Damals war es vor allem die militärische Bedeutung des Nato-Verbündeten Türkei, die das Land für Europa wichtig machte.

Heute gibt es andere und viel überzeugendere Gründe, die Türkei zu integrieren. Ihre wachsende Wirtschaftskraft, ihre Bedeutung als Energiekorridor und ihre junge demografische Struktur machen die Türkei für Europa ebenso unverzichtbar wie ihre Rolle an der Schwelle des Nahen Ostens und Mittelasiens.

Doch die Gegener eines Beitritts der Türkei wollen dieses große Bild nicht sehen. Sie verlieren sich in bedeutungslosen Nebenaspekten wie der Frage nach den Kosten eines türkischen Beitritts oder der Kompatibilität eines muslimischen Landes mit der europäischen Tradition. Mitunter stellen sie sogar die Logik auf den Kopf - etwa mit dem Argument, die EU werde mit einer Aufnahme der Türkei zu groß, sie überdehne sich. Das Gegenteil stimmt: Die EU in ihrer heutigen Form ist zu klein, um in der Welt auf Dauer politisch angemessen mitreden und wirtschaftlich mithalten zu können. Ein Beitritt der Türkei gäbe Europa mehr Gewicht.

hoehler@handelsblatt.com

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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