Anschläge in der Türkei
Das Ziel der Islamisten

Die Anschläge in Istanbul sind mehr als nur blinde Gewalt. Aus Sicht islamistischer Terroristen war die Türkei schon lange ein logisches Anschlagsziel.

Die Anschläge in Istanbul sind mehr als nur blinde Gewalt. Aus Sicht islamistischer Terroristen war die Türkei schon lange ein logisches Anschlagsziel. Sie ist fest im westlichen Bündnis verankert, hat seit Kemal Atatürk dem islamischen Gottesstaat abgeschworen und sich laizistisch verfasst, hat verfolgten Juden mindestens zweimal in ihrer Geschichte Zuflucht gewährt und unterhält bis heute exzellente Beziehungen zu Israel. Schließlich hat die Türkei radikalislamische Gruppierungen stets mit größter Härte im eigenen Land gejagt. Deshalb und weil die Verbindung von Demokratie und Islam einen Vorbildcharakter hätte, ist sie ein Stachel im Fleisch der Islamisten.

Schon kurz nach dem 11. September 2001 war unter den Vordenkern des islamistischen Terrors ein Streit darüber ausgebrochen, wie stringent sich die Anschläge von New York und Washington in ihre Ideologie einfügen. Einige Stimmen sehen bis heute den Westen als nachgeordnetes Ziel gegenüber den Gesellschaften, die nominell moslemisch, tatsächlich aber unislamisch seien.

Auch deshalb kann die Türkei die Anschläge kaum ernst genug nehmen. Denn noch viel zu zerbrechlich ist der gesellschaftliche Umbau, den Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan seit seinem Wahlerfolg ins Werk setzt. Erdogan will beweisen, dass sich moslemische Völker sehr wohl modernisieren können, ohne dabei entweder zu Diktaturen zu mutieren oder aber ihre eigene Identität zu verkaufen. Gelänge dies der Türkei, wäre sie der erste islamische Staat, der sich aus dem fatalen Kreislauf von Fundamentalismus, Rückwärtsgewandtheit und wirtschaftlichem Misserfolg aus eigener Kraft befreit hat. Aus der Perspektive der Islamisten ist die Türkei deshalb der weitaus gefährlichere Gegner.

Der Westen tut deshalb gut daran, die Türkei zu unterstützen. Diese Hilfe muss konkrete Folgen haben, bis hin zu der Entscheidung über EU-Beitrittsgespräche 2004. Natürlich muss eine mögliche Aufnahme in die Union gut bedacht sein; aber mindestens ebenso gut muss man über die Konsequenzen nachdenken, die es hätte, wenn Ankara wieder auf viele Jahre hinaus die Tür gewiesen werden sollte. Schon lange geht es nicht mehr nur um die Türkei. Es geht um einen Ausweg aus der islamistischen Gewaltspirale – am Erfolgsbeispiel einer demokratischen Türkei.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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