Anschläge in Istanbul
Kampf an zwei Fronten

Die neuen Anschläge in Istanbul folgen der Logik von El Kaida. Die Terrororganisation ist wieder so erstarkt, dass sie auf internationale Ereignisse wie den Besuch des amerikanischen Präsidenten George W. Bush in London mit präzisen, verheerenden Angriffen reagieren kann.

Die neuen Anschläge in Istanbul folgen der Logik von El Kaida. Die Terrororganisation ist wieder so erstarkt, dass sie auf internationale Ereignisse wie den Besuch des amerikanischen Präsidenten George W. Bush in London mit präzisen, verheerenden Angriffen reagieren kann. Ebenso kritisch sieht es auf der zweiten Ebene der Auseinandersetzung aus: El Kaida hat gute Chancen, den Kampf um die Köpfe zu gewinnen.

Die Anschläge in der Türkei wurden am Donnerstag erneut zeitgleich und parallel koordiniert ausgeführt. Die Anschläge hätten ihre eigene Sprache, sagen die Geheimdienste. Deren Botschaft lautet: El Kaida ist nach ihrer Schwächephase, die dem Krieg in Afghanistan folgte, in weiten Teilen wieder handlungsfähig. Und nicht nur das. Die Terrororganisation kann sich inzwischen auf ein Stimmungsumfeld stützen, das ihre Aktionen wohlwollend begleitet.

Die westliche, vor allem die amerikanische und britische Präsenz im Irak, in Afghanistan und vielen anderen muslimischen Ländern wirkt auf die Bevölkerungen immer mehr wie ein Stachel im Fleisch. Diese Wahrnehmung hat dabei nicht immer etwas mit den Fakten zu tun, viel aber mit Emotionen. Nicht zufällig ist von einer zweiten Intifada die Rede, die im Irak heraufziehe.

Denn genau so verstehen es viele Muslime, wenn sie die täglichen Fernsehnachrichten mit Berichten von Besatzungstruppen, Krieg und Zerstörung sehen. Gegen diese Bilder der Besatzung setzt Osama bin Laden sein Symbol, den Widerstand gegen den angeblichen Kreuzzug der Christen gegen die Muslime.

Doch auf den Konflikt auf dieser Meta-Ebene scheint der Westen noch viel weniger vorbereitet als auf die asymmetrische Kriegsführung von El Kaida. Die Antiterrorallianz tritt oft zu aggressiv auf und zu taktlos. Doch gleichzeitig wirkt sie konzeptlos und zu wenig selbstbewusst. Im Ergebnis sendet sie verheerende Signale nach außen, wie phasenweise während der amerikanischen Besetzung des Iraks. Doch auf Dauer wird die Auseinandersetzung zwischen den gewaltbereiten Fundamentalisten und den demokratischen Gesellschaften nicht auf dem Schlachtfeld, sondern in den Köpfen entschieden. Hier droht dem Westen die eigentliche Niederlage.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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