Anti-Krisenpläne
Rettung der US-Finanzwelt durch den Staat?

Wie sehr die US-Steuerzahler zur Kasse gebeten werden im Zuge der Anti-Krisenpläne von US-Finanzminister Paulson bleibt abzuwarten. Die von Paulson nach dem faktische AIG-Kollaps vorgetragene Idee zur Gründung einer Art Bad-Investmentbank als staatlicher Fonds zum Ankauf von wackeligen Wertpapierportfolios von Banken ist jedenfalls widersprüchlich. Das Volumen eines solchen Fonds müsste gigantisch sein.
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Unter Verantwortungsaspekten ist der Vorschlag zurückzuweisen, denn er nimmt Banken mit schlechtem Risikomanagement die Kosten falscher Entscheidungen ab und setzt für künftige Banker-Generationen ein absurdes Signal: Gewinne kann man privatisieren und wenn es schief geht, dann wird via Steuerzahler eine Sozialisierung der Verluste vorgenommen.

Als erstes sollten die Banken aufgefordert werden, die Einlagensicherungskasse deutlich aufzufüllen, wo man im September 2008 schon unter die gesetzlichen Mindestvorgaben gefallen war. Vertrauen gründet auch auf der Einhaltung von Regeln, wenn der Staat aber selbst gesetzt Regeln nicht durchsetzt, so fördert das Unsicherheit, Regel-Abweichungen, Expansion der Schattenwirtschaft. In Washington dürfte die Bush-Administration die Probleme aber ohnehin nur noch kurzfristig behandeln, denn ab Januar wird ein neuer Präsident im Amt sein.

Die US-Finanzmärkte als relativ unreguliertes Spielfeld für Banken, Fonds und Versicherungen sind wunderbar für Finanzinnovationen, aber die Welt kann nicht nur von einem Innovationsfeuerwerk mit neuen Produkten leben, sondern es bedarf für Wohlstand und Wohlfahrt eines soliden Fortgangs der Produktion von Standard-Gütern und Finanzdienstleistungen. Was nützen einem tolle Finanzinnovationen, wenn man fürchten muss, dass man demnächst als Kunde beim Geldabheben von US-Bankautomaten in manchen Regionen die Information angezeigt erhält: Diese Bank ist leider in Konkurs, bitte kontaktieren Sie die Bankenaufsicht. Es ist jedenfalls offensichtlich, dass Mangel an Finanzmarktregulierung im Anschluss an eine Phase hoher Renditen zum Absturz führte - und das ist nicht einmal erstaunlich. Die Wirtschaftsgeschichte kennt solche Episoden Dutzendweise. Das größte Problem ist, dass das Vertrauen an den Finanzmärkten bzw. den Interbankenmärkten zerbrochen wurde, und zwar nicht nur in den USA, sondern auch in Europa. Vertrauen an Finanzmärkten wiederherzustellen, ist schwierig.

Vertrauen wird zerstört durch gebrochene Versprechungen und das an den Finanzmärkten wurde letztlich unterminiert durch die unhaltbaren utopischen Renditeankündigungen der US-Banken zu Beginn des 21. Jahrhunderts. 25% Eigenkapitalrendite - zeitweise auch in Frankfurt eine populäre Zielsetzung unter Bankern - waren eine absurde Zielsetzung, die mit grundlegenden theoretischen Überlegungen und langfristigen empirischen Wirtschaftsdaten bzw. OECD-Erfahrungen unvereinbar sind. Es ist etwa so, als wolle man sich ein Athlet als Zielmarke einen Weitsprungweltrekord bei 15 m vornehmen; klingt irgendwie enorm und phantastisch weit weg von den olympischen Spitzenwerten: Eine Ankündigung, die man kaum Ernst nehmen wird, zumal man ja weiß, dass die Schwerkraft mit großer Zuverlässigkeit auch solche Athleten mit Fähigkeiten zu großen Sprüngen schon vor der 10-Meter-Marke auf den Boden der Realität zurückholt. Aber in der Finanzwelt genügt es offenbar, dass genügend Top-Manager denselben Unsinn erzählen, dann garantiert das Beifall von London bis Paris.

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