Antiamerikanismus
Der gute Deutsche

Keine Frage, die Misshandlungen irakischer Gefangener durch US-Soldaten sind verabscheuungswürdige Taten mit gravierenden politischen Konsequenzen. Doch so groß der politische Aufschrei weltweit war: Er erklärt noch nicht, warum es gerade in Deutschland in atemberaubendem Tempo gesellschaftlich akzeptabel geworden ist, sich nur noch kopfschüttelnd über „die Amerikaner“ zu echauffieren. Mit erstaunlicher Lässigkeit urteilt mittlerweile auch Otto Normalverbraucher über die moralischen Defizite der Weltmacht. Verantwortlich ist eine Mischung aus Schadenfreude, politischer Ablehnung und kultureller Überheblichkeit.

Erstens geht es um das „David-Goliath-Syndrom“: Die demonstrative Entrüstung ist auch eine Reaktion auf die amerikanische Überheblichkeit im Streit über den Irak-Krieg. Gerade im angeblich bedeutungslos gewordenen „Alt-Europa“ wird heute mit Häme die neue amerikanische Bescheidenheit auch in moralischen Fragen registriert.

Zweitens weckt der Stil von US-Präsident George W. Bush politische Ressentiments wie bei kaum einem seiner Vorgänger. Obwohl die USA unangefochten der „Leuchtturm der demokratischen Welt“ sind, wie Außenminister Fischer sagt: Auf einem zwei Mal von Weltkriegen heimgesuchten Kontinent weckt ein Heil verheißender Ton vor allem Misstrauen.

Drittens zeigt sich jedoch, dass im Urteil vieler Deutscher auch Arroganz und ein offenbar tief sitzendes Gefühl der kulturellen, politischen und moralischen Überlegenheit mitschwingt. Nach 1945 ist dieses Gefühl aus Dankbarkeit gegenüber der US-Hilfe beim Aufbau der Demokratie und des Wirtschaftswunders mühsam domestiziert worden. Doch immer wieder bricht es besonders unter Sozialdemokraten und konservativen Nationalen hervor: Amerika, das ist für viele das Land der Egoisten, der Schein-Demokraten und Brutalen. Deutschland nach 1945, das ist das Land der Friedlichen, der sozialen Gerechtigkeit und der Modelldemokratie. Daher stammt das immer wiederkehrende Gerede vom „deutschen Weg“. Und anders lässt sich nicht erklären, wie etwa Verteidigungsminister Peter Struck zu einer so generalisierenden Aussage kommt wie „Deutsche Soldaten foltern nicht.“

Doch die mitschwingende Überheblichkeit beruht auf einem doppelten Irrtum: So urteilen die Deutschen vom schönen Nischenplatz der Weltgeschichte aus. Weder stand die Bundeswehr bisher in einer solch verfahrenen Situation wie die US-Armee im Irak. Noch musste die bundesrepublikanische Politik vergleichbare unangenehme Entscheidungen fällen wie die Regierung der Weltmacht. Trotz der „Normalisierung“ unserer Außenpolitik kann das oberste Kriterium der öffentlichen Beurteilung deshalb immer noch die Moral sein. Dass „Realpolitik“ aber die Notwendigkeit zum Handeln bedeutet, auch wenn es keine Chance gibt, dabei unschuldig zu bleiben, wird nicht erkannt. Nicht die Kritik am Irak-Krieg und vor allem seinen Exzessen ist deshalb verwerflich, sondern das Urteil von der hohen moralischen Warte aus.

Daher ist es übrigens auch vermessen, mit der angeblich höheren Fähigkeit der Deutschen beim „nation building“ zu prahlen. Hier der folternde US-Soldat, dort die Schulen bauende Bundeswehr – bewusst wird dieser Kontrast gepflegt. Doch zum einen wird damit unterschlagen, dass die Bundesrepublik selbst ein erfolgreiches Beispiel für US-Fähigkeiten zum Aufbau von Demokratien ist. Zum anderen wird schamlos davon abgelenkt, dass die Bundeswehr kaum etwas anderes kann und will: Die Schulen in Afghanistan jedenfalls können nur gebaut werden, weil Amerikaner und Briten zuvor den „schmutzigen“ Part im Antiterrorkampf übernommen hatten.

Dass Vorbehalte gegenüber Amerikanern auf so breiter Front sichtbar werden, liegt am tief sitzenden Gefühl einer kulturellen Überlegenheit. Längst haben wir zwar alle angeblichen Markenzeichen der „amerikanischen Kultur“ übernommen – seien es Fast Food, der steigende Fernsehkonsum, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich oder die sinkenden Wahlbeteiligungen. Aber das verhindert nicht, dass sich ein abfälliges Urteil über die „oberflächlichen“ USA hält. Dabei sind Amerikaner in Wissenschaft und Kultur gegenüber Europäern längst mindestens ebenbürtig, oft sogar führend.

Dass dies nicht gesehen wird, ist kein deutsches Phänomen. Nicht nur in Frankreich gibt es eine seltsame Hassliebe zu den USA, sondern auch beim Irak-Kriegspartner Großbritannien. Die Stereotypen abzugleichen ist übrigens gerade für Deutsche eine heilsame Erfahrung. Denn das britische Boulevard-Blatt „Daily Mail“ etwa kommt zu dem Schluss, es sei gar nicht erstaunlich, dass es zu den Misshandlungen ausgerechnet unter US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld kam: Schließlich hat dieser ja deutsche Vorfahren. Mit erstaunlicher Lässigkeit urteilt mittlerweile jedermann über die moralischen Defizite der Weltmacht.

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