Apotheken
Tante Emmas Erben

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Kennen Sie „Vivesco“? Nein? Dann befinden Sie sich in guter Gesellschaft: 98 Prozent aller Deutschen ist die Marke völlig unbekannt. Dabei vereint der Pharmagroßhändler Anzag in Deutschland unter diesem Namen nicht weniger als 1 200 Apotheken – und kommt damit auf mehr Standorte als etwa die bekannte Drogeriemarktkette dm. Sogar teure Fernsehwerbung schaltete Anzag Mitte 2006, um den Apothekenverbund bekanntzumachen – dreimal täglich, versteht sich. Die Wirkung verpuffte, weil die Vertriebspartner hartnäckig an Traditionsnamen wie „Rosen-Apotheke“ oder „Löwen-Apotheke“ festhielten, statt sich im Außenauftritt zur Kooperation zu bekennen.

Nur eines von vielen Beispielen, die zeigen, wie hilflos Deutschlands Arzneimittelverkäufer dem Marktumbruch entgegensteuern. Wenn die gesetzliche Abriegelung des Marktes gegenüber großen Unternehmen fällt, starten womöglich schon in diesem Jahr die ersten Pharmaketten. Discountangebote und Eigenmarken der neuen Großanbieter könnten Deutschlands Apotheken, die seit den Stauferkaisern im 13. Jahrhundert unter dem besonderen Schutz der Mächtigen stehen, dasselbe Schicksal wie das der Tante-Emma-Läden bescheren. Auch sie waren völlig unvorbereitet Mitte der 70er-Jahre vom Markt gefegt worden, weil der Gesetzgeber damals die scheinbar unbedeutende Hersteller-Preisbindung aufgehoben hatte.

Längst gilt das rote Fraktur-A, mit dem sich die Medikamentenverkäufer seit 1936 schmücken, als optisches Wahrzeichen für die fehlende Anpassungsbereitschaft der Branche. Dynamisch wachsende Sortimente wie Gesundheitsnahrung, probiotische Milchgetränke oder Energy-Drinks überlässt man lieber Supermärkten und Drogerien. Für die meisten Apotheker sind sie tabu. Neue Betriebsformen wie den Internetversand überziehen die Branchenverbände regelmäßig mit Rechtsklagen bis in die höchsten Instanzen. Außer der Verunsicherung von Patienten und Versendern haben sie damit bislang kaum etwas erreicht. Neben DocMorris ist längst auch die Drogeriekette dm ins Versandgeschäft mit Medikamenten eingestiegen. Seit wenigen Tagen bietet auch Schlecker günstige rezeptfreie Arzneimittel (OTC) an. Der Versandanteil im Arzneimittelmarkt, den Experten für Ende 2008 auf drei bis vier Prozent schätzen, liegt dennoch unter den Erwartungen. Den Grund liefert eine Studie der Beratungsfirma Sempora: Danach bestimmen Lage und Erreichbarkeit des Einkaufsorts bis zu 73 Prozent der Kaufentscheidungen, die Preise dagegen nur zu sieben Prozent.

Mit 21000 Apotheken hat nahezu jeder Deutsche einen Anbieter um die Ecke. Sie halten sich aber nur deshalb über Wasser, weil sie Patienten tiefer in die Tasche greifen als nötig. Selbst den Verbrauchern ist das ebenso enge wie teure Netz zu üppig. 50 Prozent beklagten jüngst bei einer Umfrage, Deutschland sei mit Apotheken überversorgt. Kein Wunder, dass jede fünfte Apotheke schließen will, sobald der Gesetzgeber den Markt freigibt.

Dass Apothekerverbände mahnen, die Arzneimittelversorgung auf dem platten Land werde sich mit der Liberalisierung drastisch verschlechtern, darf als übliche Rhetorik abgehakt werden. Belege dafür fehlen. Wahrscheinlicher ist das Gegenteil: In Norwegen, wo seit 2001 Arzneimittelketten erlaubt sind, klappt die Versorgung heute sogar deutlich reibungsloser. Das skandinavische Land ist zudem ein gutes Beispiel dafür, dass sich Dienstleistungsbereitschaft und filialisierte Apothekenketten nicht zwangsläufig widersprechen. Bei einer jüngst durchgeführten Umfrage bekundete jeder dritte Norweger, der Service habe sich seit der Deregulierung verbessert. Nur sechs Prozent bekundeten das Gegenteil.

Dabei überzeugt derzeit nicht einmal die Beratung der deutschen Apotheken. So reduzierte die Gesundheitsreform vor vier Jahren zwar die Zahl der Arztbesuche, den Apotheken hat sie aber keinesfalls zu mehr Kundschaft verholfen. Viel lieber, so fanden Studien heraus, wenden sich Patienten an Drogerien und Reformhäuser. Informierte sich 2003 noch jeder Vierte über Krankheiten beim Apotheker, schrumpfte der Anteil bis heute auf elf Prozent. Fundierteres Wissen vermuten viele inzwischen eher im Internet. Aber das gab es ja 1241 bekanntlich noch nicht.

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