Arabische Welt
Bildungsmisere

Da kann selbst der freigiebige Microsoft-Gründer Bill Gates nicht mehr mithalten: Zehn Milliarden Dollar stellt der Emir von Dubai, Scheich Mohammed bin Raschid al Maktoum, für die Gründung einer Stiftung zur Verfügung, um die Bildungsmisere in der arabischen Welt zu beseitigen.
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Bislang war „Scheich Mo“, der auch Ministerpräsident der Vereinigten Arabischen Emirate ist, eher mit einem Hang zu bombastischen Bauprojekten aufgefallen. Das höchste Bauwerk der Welt entsteht in seinem Emirat am Persischen Golf, wo sich die Untertanen bereits im Skidom bei 40 Grad Außentemperatur vergnügen können, wo künstliche Inseln in Palmenform aus dem Meer wachsen und wo eine neue Drehscheibe für Logistik und Handel zwischen Europa und Asien besteht.

Aber der Scheich hatte immer schon mehr im Sinn, als nur für ein Wirtschaftswunder am Golf zu sorgen. Eine Renaissance der arabischen Welt schwebt ihm vor. Und um die in einer Region zu verwirklichen, in der Despotien, Kriege und sozialer Notstand den Alltag prägen, bedarf es eben mehr, als Beton in den Wüstensand zu setzen.

Der anhaltend hohe Ölpreis spült den arabischen Ölscheichs immense Mittel in die Haushaltskassen. Bislang nutzen die Emire die Dollarmilliarden vornehmlich zur Sanierung ihrer Haushalte, zum Ausbau der Infrastruktur und zur Diversifizierung ihrer Wirtschaft. Denn Öl, das ist allen Staatenlenkern am Golf klar, ist eine endliche Ressource. Dauerhafter Wohlstand wird den arabischen Nationen nur dann beschert, wenn sie rechtzeitig auf neue Wirtschaftsfelder umsatteln. Doch um diesem Transformationsprozess aus eigener Kraft meistern zu können, fehlt ihnen die wichtigste Voraussetzung: das Know-how.

Nirgends wird dieses Defizit deutlicher sichtbar als beim Vergleich mit Asien. Schwellenländer wie China und Indien oder Stadtstaaten wie Singapur geben Milliarden aus, um Bildung und Forschung fest zu verankern. Sie wissen, dass ihre Entwicklung vom Heranwachsen eines eigenen Brain-Pools abhängt. In den arabischen Golfstaaten haben dagegen bislang Ausländer prägend gewirkt. Der beeindruckene Wandel Dubais vom Perlenfischerort zum arabischen Manhattan wäre undenkbar ohne Arbeiter aus Pakistan und Bangladesch und ohne Manager aus den USA und Europa.

Fundamentalistische Gesellschaftsstrukturen, die Abgrenzung der Eliten und der Mangel an Jobs haben bislang dazu geführt, dass von dem märchenhaften Reichtum, der den Herrschern mehr oder weniger in den Schoß gefallen ist, bei der Bevölkerung nicht viel angekommen ist. Selbst in liberaleren Nationen wie den VAE ist Wissen Mangelware. Und das führt dazu, dass die USA oder Großbritannien zum Bildungsmekka für junge, wohlhabende Araber geworden sind. Nicht alle kehren zurück. Und das ist ein Problem.

Die arabische Welt wird sich nur dann auf Wissen als ein neues wirtschaftliches Fundament stützen können, wenn feudale Systeme sich wandeln, wenn die nachwachsende Generation den Eindruck gewinnt, dass für sie mehr unternommen wird als bislang. Noch fehlen nicht nur 15 Millionen Jobs aktuell und 85 Millionen in den kommenden zwanzig Jahren. Die Analphabetenquote ist mit 18 Prozent bei den bis zu 15-Jährigen und mit 43 Prozent unter den Frauen erschreckend hoch. Nur 0,02 Prozent des Bruttosozialprodukts geben arabische Staaten für Bildung und Forschung aus. Auf 100000 neue Bucherscheinungen in den USA kommen nur 6500 in den arabischen Staaten – weniger als in der Türkei allein.

So gesehen ist die Initiative von Scheich Mohammed ein Segen. Sie wird weitaus mehr dazu beitragen, die arabische Welt zu modernisieren als alle spektakulären Bauprojekte zusammen. Sie hat das Zeug, neue Gesellschaftsmodelle zu formen. Denn mit diesem Signal untermauert der Scheich auch, dass er wirklich zu Reformen bereit ist.

Selbst wenn das Programm seiner Initiative erst in groben Umrissen bekannt ist, so könnte von ihr tatsächlich eine Renaissance ausgehen. Dies aber nur dann, wenn die Eliten in den VAE und andernorts auch bereit sind, den nächsten Schritt zu wagen: Sie müssen mehr Demokratie zulassen. Denn hier zeigt sich ein ebenso großer Nachholbedarf wie in der Bildungspolitik.

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