Arabische Welt: Gaza-Krieg spaltet die arabische Welt

Arabische Welt
Gaza-Krieg spaltet die arabische Welt

Die Konfliktlinie im Nahen Osten zwischen Israel und den Palästinensern, genauer: zwischen Israel und der Hamas-Bewegung, ist hinlänglich bekannt. Eine zweite, brisante Kluft tut sich in der arabischen Welt aber zwischen den Bevölkerungen und ihren Regimen auf

Moderate, pro-westliche Staatsführungen in Ägypten oder Jordanien geraten immer stärker in Erklärungsnot. Das ist ein politischer Erfolg für den Iran.

Im Gazastreifen vollzieht sich der sichtbare Konflikt - tragisch, mit zahllosen unschuldigen Opfern, brutal geführt auf beiden Seiten. Niemand kann Israel Selbstschutz absprechen. Nicht einmal differenzierte Beobachter aus der arabischen Welt tun das. Aber die Art und Weise, wie dieser Konflikt Opfer unter der malträtierten Zivilbevölkerung fordert, bringt viele Menschen auf der Straße in Rage. Heute ist der "Tag des Zorns" in der arabischen Welt. Und wenn Hunderttausende in Kairo und Beirut auf die Straße gehen und anti-israelische Parolen skandieren, dann wird das Wirkung auf jene Politiker haben, die sich noch als gemäßigte Araber verstehen.

Die systematische Aufrüstung von Milizen wie Hamas im Gazastreifen und Hisbollah im Libanon sowie der parallel dazu erfolgte propagandistische Feldzug Teherans zeigen Wirkung. Heute muss die Hisbollah nicht einmal eine zweite Front aufmachen, um die Region zu destabilisieren. Es reicht, wenn Hisbollah-Führer Scheich Hassan Nasrallah das Wort an die arabische Bevölkerung richtet und sie aufruft, vernehmlich zu protestieren - direkt gegen Israel und indirekt gegen die eigenen Regime.

Staaten wie Ägypten und Jordanien, in denen Tausende von Palästinensern im Exil leben, geraten dadurch immer stärker unter Druck. Die Kluft zwischen Moderaten und Islamisten in der arabischen Welt verschiebt sich zugunsten der radikaleren Kräfte. Daran hat nicht nur der Iran nach Kräften mitgewirkt. Teheran hat durch den Krieg im Irak einen Machtzuwachs erfahren und nutzt ihn systematisch, um die Vorherrschaft im Nahen Osten zu erlangen. Aber auch die innenpolitische Schwäche Ägyptens oder Jordaniens trägt dazu bei. Dies und der Stimmungswandel in diesen Ländern kommen Teheran sehr zupass.

Vor allem an der Haltung von Ägyptens Regierungschef Hosni Mubarak entzündet sich Protest. Dass er die Verbindungen in den Gazastreifen nicht für humanitäre Lieferungen an die palästinensische Bevölkerung freigibt, erzürnt selbst gemäßigte Kräfte. Mubarak fürchtet jedoch wenig mehr, als dass der Konflikt überspringen und auf den Straßen Kairos offen ausgetragen werden könnte. Denn radikale Kräfte wie die moslemische Bruderschaft haben eine solide Basis und erhalten umso mehr Zulauf, je länger das Leid der Palästinenser anhält. In Ägypten braut sich ohnehin eine gefährliche Mischung zusammen. Die Nachfolge Mubaraks ist ungeklärt, der Staatsapparat korrupt. Von Demokratie kann nur begrenzt gesprochen werden, und die soziale Krise wird verschärft durch die globale wirtschaftliche. Eine Ausgangslage, die das Regime schnell erschüttern kann.

Bislang konnten die gemäßigten arabischen Staaten mit Polizeigewalt verhindern, dass die immer wieder aufflackernden Proteste eskalieren. Aber wenn der Funke, den Nasrallah geschlagen hat, tatsächlich überspringt, dann können weder Mubarak noch der westorientierte König Abdullah von Jordanien ihre Positionen noch lange halten.

Sie müssen etwas unternehmen, um Sicherheit und Stabilität nicht aufs Spiel zu setzen. Besonders in Jordanien mit seinem hohen palästinensischen Bevölkerungsanteil ist inzwischen spürbar, wo die Sympathien liegen. Davon profitiert nicht zuletzt die Hamas. Denn der König geht gezwungenermaßen immer mehr auf Distanz zu Ägypten und Saudi-Arabien.

Die Führungen dieser Staaten würden eine Niederlage der Hamas sicher nicht bedauern. Denn solange die Hamas sich einem Frieden mit Israel widersetzt, ist auch ihre Macht in Gefahr. Doch es ist eine Illusion zu glauben, die Hamas würde jetzt einlenken. Sie ist ein Faktor weit über den Gazastreifen hinaus und wird ihre Macht demonstrieren, wenn es darum geht, einen Nachfolger für Palästinenserpräsident Abbas zu bestimmen. Sie wird als wichtiges Werkzeug des Irans weiter mit Geld und Waffen versorgt werden. Und als Märtyrer eines verlorenen Krieges könnte sie die Opferrolle der Palästinenser in der arabischen Welt noch besser politisch verwerten.

Der Gazakrieg vergrößert die Kluft zwischen der Bevölkerung und den Regimen in den arabischen Nationen sowie den Zwist zwischen diesen und dem Iran. Das erschwert eine Lösung des Grundkonflikts weiter. Selbst dem neuen US-Präsidenten Barack Obama dürfte es sehr schwer fallen, neues Vertrauen aufzubauen. Ausgangspunkt für die Radikalisierung in der arabischen Welt war die fehlgeschlagene Demokratisierungspolitik seines Vorgängers. Zu befürchten ist, dass aus dem Gazakrieg nur einer als Sieger hervorgeht: der Iran.

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