Arbeitsmarkt
Die neue Normalität

Noch hat der Aufschwung trotz des Unterschreitens der Zahl von vier Millionen Arbeitslosen den Arbeitsmarkt nicht in seiner ganzen Breite erfasst. Geringqualifizierte und die 1,5 Millionen Langzeitarbeitslosen haben selbst bei dem erwarteten Wirtschaftswachstum von 2,4 Prozent in diesem und 1,8 Prozent im nächsten Jahr nur geringe Chancen auf einen Job.

Sie bilden den harten Kern der von Konjunkturzyklus zu Konjunkturzyklus gewachsenen Sockelarbeitslosigkeit. Ihre Integration in den ersten Arbeitsmarkt gelänge wohl nur, wenn ihnen bei einer abgesenkten Grundsicherung deutlich mehr vom Hinzuverdienst bliebe. Aber solche Vorschläge sind in großkoalitionären Zeiten chancenlos.Doch die konjunkturelle Wende auf dem Arbeitsmarkt hat den Abwärtstrend bei der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung gestoppt und umgedreht. War die Zahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter in den Jahren 2000 bis 2005 um 1,65 Millionen auf 26,2 Millionen gesunken, lag sie im September 2006 um 317 000 über der vom September 2005. Das stärkste Wachstum gab es bei den unternehmensnahen Dienstleistungen. Angetrieben wurde es durch die boomende Leiharbeit. Die Zahl der Leih- oder Zeitkräfte erreicht fast eine halbe Million.

Der Schwerpunkt des Beschäftigungsaufbaus liegt dabei im Teilzeitbereich einschließlich der Minijobs. Jeder dritte Arbeitnehmer arbeitet heute in Teilzeit, 1998 war es erst jeder vierte. Die Befristung der ersten Stelle nach der Lehre oder dem Studium ist mittlerweile fast zur Regel geworden. Insgesamt haben über drei Millionen abhängig beschäftigte Erwerbstätige einen befristeten Arbeitsvertrag. Rechnet man die Auszubildenden und Praktikanten hinzu, sind es 4,67 Millionen der 32 Millionen abhängig Erwerbstätigen. Der sprunghafte Anstieg der Befristungen im letzten Jahr geht allerdings auf eine Änderung der Erhebungsmethode und die hohe Zahl der befristeten Ein-Euro-Jobs zurück.

Befristete Arbeitsverhältnisse, Teilzeit – und Zeitarbeit gelten als so genannte atypische Beschäftigung, die sozialversicherungspflichtige unbefristete und abhängige Vollzeitbeschäftigung gilt dagegen als „Normalarbeitsverhältnis“. Der Strukturwandel auf dem Arbeitsmarkt führt solche Unterscheidungen mehr und mehr ad absurdum. Die ganz überwiegend selbst gewählte Teilzeitarbeit hat sich längst auch als ein „Normalarbeitsverhältnis“ etabliert. Deutschland hängt beim Strukturwandel des Arbeitsmarktes hinter vielen europäischen Nachbarländern zurück. Das ist zum einen eine Folge der späten Deregulierung. Zum anderen ist dies aber auch durch die Ausrichtung der sozialen Sicherungssysteme auf das beitragspflichtige „Normalarbeitsverhältnis“ bedingt.

Die längst nicht mehr atypischen neuen Beschäftigungsformen stehen zudem unter dem Generalverdacht, prekäre, ungesicherte Beschäftigungen und Arbeitsplätze zweiter Klasse zu sein. Solche Stigmatisierungen verkennen jedoch die positiven Auswirkungen der flexiblen Arbeitsformen. Zeitarbeit, Teilzeit- und befristete Arbeit sind eben nicht nur Beschäftigungspuffer zur Abfederung von Auftrags- und Nachfragespitzen. Sie senken darüber hinaus in einer labilen konjunkturellen Situation die Einstellungshürden und sind für viele eine wertvolle Brücke zur Dauerbeschäftigung. Die „Klebe- und Anschlusseffekte“ sind nicht zu unterschätzen.

Die Jobflexibilität ist das Ventil, das ein hoch regulierter Arbeitsmarkt mit einem rigiden Kündigungsschutz braucht. Ohne diese neuen Arbeitsformen wäre die Beschäftigungsschwelle des Wirtschaftswachstums deutlich höher. Die Nürnberger Arbeitsmarktforscher Martin Dietz und Ulrich Walwei konstatieren, von dem Erwerbsformenwandel gehe – wenn man von der Teilzeitarbeit einmal absieht – zwar kein großer Effekt für mehr Zusatzbeschäftigung aus, er öffne aber den Arbeitsmarkt für Außenstehende und wirke deshalb der Zunahme der Langzeitarbeitslosigkeit entgegen. Die neue Normalität am Arbeitsmarkt ist weit weniger schrecklich, als das Gerede von der Zweiklassengesellschaft und den atypisch Beschäftigten weismachen will.

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