Arbeitsmarkt
Druck auf die Dämme

In Krisenzeiten kann man auch mit mehrdeutigen Zusagen große Aufmerksamkeit erregen: Einzelne Großunternehmen haben beim Treffen mit der Bundeskanzlerin am Sonntag angekündigt, sie würden auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten.

Auf manch einen wirkt das so, als könne es bald eine flächendeckende Jobgarantie geben. Doch das wird sicher nicht passieren.

Die Ersten, die schnell und möglichst ohne Ansehensverlust auf Distanz gehen, sind die Vertreter der Klein- und Mittelbetriebe. Verständlich, denn was manche Großen - vor allem die wenig krisengebeutelten - zusagen können, ist ihnen selbst verwehrt. Siemens und Telekom wollen lediglich auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten. Das lässt, wenn man viele Mitarbeiter hat, einen weiten Spielraum für den Abbau von Arbeitsplätzen, durch Einstellungsstopp und das Ausnutzen der Verrentung sowie der allgemeinen Fluktuation. Ähnliche Möglichkeiten, die Belegschaftsgröße "atmen" zu lassen, hat ein kleiner Mittelständler nicht.

So schön es auch klingt, wenn jetzt die Melodie von der großen gemeinsamen Kraftanstrengung angestimmt wird: Viel Hoffnung sollte man nicht darauf setzen. Kein Unternehmen wird um des nationalen Pathos willen eine Personalpolitik betreiben, die seinen wirtschaftlichen Möglichkeiten widerspricht.

Andererseits rechtfertigen genau diese Rahmenbedingungen des Arbeitsmarktes im Moment noch einen vorsichtigen Optimismus. Es könnte sein, dass die Arbeitslosigkeit diesmal nicht so stark ansteigt wie in den Krisen von 1975 oder 1993, weil der Arbeitsmarkt besser funktioniert. Über Jahre hinweg sind als Teil der Tarifabschlüsse neue Möglichkeiten für Flexibilität eröffnet worden. Die zahlen sich jetzt aus.

So hat die Metallindustrie in den 90er-Jahren die Möglichkeit geschaffen, im Krisenfall bis auf eine Arbeitszeit von 30 Stunden ohne Lohnausgleich herunterzugehen. Das bedeutet zwar Einkommensverluste, aber wenigstens nicht den Verlust des Arbeitsplatzes.

Weit verbreitet sind mittlerweile Arbeitszeitkonten. Nicht nur Großunternehmen setzen sie ein, sondern auch kleine und mittlere. Während des Aufschwungs der vergangenen Jahre ist fleißig auf diese Konten eingezahlt worden. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bei der Bundesagentur für Arbeit hat berechnet, dass die angesammelten Zeitguthaben der jährlichen Arbeitsleistung von 150 000 Vollzeitkräften entsprechen. Die Betriebe können also in großem Umfang "gesparte Zeit" auflösen, ehe sie Mitarbeiter entlassen müssen.

Ein weiterer Faktor ist die schon von der rot-grünen Regierung erleichterte Zeitarbeit. Allerdings profitiert nur die Stammbelegschaft davon, wenn ihr Unternehmen weniger Zeitarbeiter beschäftigt, statt Arbeitnehmer zu feuern, die fest angestellt sind. Gerade erst ausgedehnt hat die Bundesregierung die Möglichkeit, auf Kurzarbeit zurückzugreifen. Die maximale Dauer hat sie von zwölf auf 18 Monate am Stück verlängert. Allerdings ist es für die Unternehmen seit den 90er-Jahren teurer geworden, Kurzarbeit zu nutzen, weil die Sozialbeiträge anfallen.

Ein wichtiger Faktor, der die Dämme um den Arbeitsmarkt stabilisiert, geht auf die im Aufschwung gemachten Erfahrungen zurück. Viele Unternehmen haben gesehen, dass sie bei einem stabilen Aufschwung schon nach ein, zwei Jahren unter den dann noch Arbeitslosen nicht mehr unbedingt die angelernten Fachkräfte finden, die speziell sie benötigen. Verstärkt wird der Effekt dadurch, dass mittlerweile allen Unternehmen klar ist: Aufgrund der Demografie schrumpft das Potenzial qualifizierter Arbeitnehmer. Das stärkt noch einmal das für die deutsche Industrie klassische Reaktionsmuster, Arbeitskräfte nicht sofort zu feuern. Denn anders als in manchen anderen Ländern sind sie für sehr spezialisierte Produkte und Verfahren qualifiziert und nicht einfach zu ersetzen, wenn es wieder aufwärts geht.

Wann es wieder aufwärts geht, ist allerdings auch in dieser Rezession die Schlüsselfrage. Die Rechnung, lieber die Belegschaft zu halten, weil sich das später auszahlt, geht dann nicht mehr auf, wenn auf die Rezession 2009 eine lange Stagnation folgen sollte. Das ist bislang nicht absehbar, und deshalb rechnet das IAB "nur" mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit auf 3,6 Millionen Ende 2009.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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