Arbeitsmarkt
Grauschleier

Gute Nachrichten für ältere Arbeitnehmer: Auch sie finden hin und wieder einen Job. Das belegt eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. In einigen Mangelberufen, etwa bei Ingenieuren, zeigt sich dieser Trend schon länger. Doch für viele Menschen gilt trotz der guten Konjunktur immer noch: Ab 50 Jahren wird es ganz schwierig auf dem Arbeitsmarkt.
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Die Chancen sinken häufig schon ab 40 merklich. Selbst manche Menschen mit Mitte 30 machen sich Sorgen um ihre Zukunft, wenn sie nicht schon irgendeine herausgehobene Position ergattert haben. Über das Problem wird viel geredet – aber nicht ehrlich genug. Der Graben zwischen den Menschen mit und denen ohne Arbeit, der unsere ganze Gesellschaft teilt, ist in den höheren Altersgruppen besonders breit. Wer mit 50 einen halbwegs brauchbaren Job hat, verdient in der Regel ganz gut. Wer keinen Job hat, für den sieht es düster aus. In jüngeren Jahren ist der Verdienst schlechter, aber die Chance auf einen Neubeginn dafür besser

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Die Probleme sind seit langem bekannt. Die gut gemeinten Appelle auch: Habt doch keine Vorurteile gegenüber den „Älteren“ – „alt“ ist man ja heute frühestens mit 90. Schaut euch doch deren enorme Erfahrung an. Und wenn Gruppen altersgemischt sind, dann harmoniert das besser. Lebenslanges Lernen ist Trumpf und so weiter. Richtig ist ja auch, dass es üble Vorurteile zu bekämpfen gilt. Nach dem Motto: Wie, schon 50 und keine Führungsposition? Als sei das die einzig wichtige Qualifikation, als seien Führungspositionen immer mit den richtigen Leuten besetzt. Aber wer zu naiv die grauen Schläfen lobt, verschleiert auch ein Stück weit die Wahrheit. Wir alle wissen, zum Teil schon aus eigener Erfahrung, dass mit dem Alter die Leistungsfähigkeit nicht unbedingt steigt. Manche Dinge, zum Beispiel ein neues Computerprogramm zu erlernen, dauert einfach länger. Manchmal kommen gesundheitliche Probleme dazu. Außerdem entwertet sich in vielen Bereichen die fachliche Erfahrung sehr schnell, dafür wird es immer schwerer, neue Entwicklungen zu verstehen.

Ist dafür die Sozialkompetenz der Grauschläfigen besonders groß? Manchmal schon. Aber keineswegs immer. Erstens steigt mit dem Alter nicht unbedingt die Fähigkeit, junge Leute zu verstehen, wie jeder weiß. Zweitens gibt es mit zunehmender Berufserfahrung eine große Gefahr, die man als das „Alles-schon-gehabt“ beschreiben könnte. Tatsächlich erlebt fast jeder, der lange genug in einem Betrieb arbeitet, dass alle paar Jahre, manchmal auch im Monatstakt, neue Regeln, neue Organisationsformen eingeführt werden. Und im Lauf der Zeit kommen einem diese schon recht bekannt vor. Daraus entsteht leicht die Haltung: Warten wir erst mal ab, was daraus wird. Diese Haltung führt zu einem Phänomen, das selten beschrieben wird, aber ziemlich offensichtlich ist: Ältere Mitarbeiter sind oft schwerer zu führen als Jüngere. Die Jungen wollen dazu lernen, dabei sein, sich bewähren, die Alten wissen schon vorher, dass nichts daraus wird.

Tragisch ist: Oft ist eine gesunde Skepsis ja berechtigt. Dennoch kann kein Mensch ein Unternehmen führen, wenn seine Leute nicht mitziehen. Auch für ihre Fehler brauchen Topmanager eifrige Mitstreiter. Manche älteren Mitarbeiter, die sich isoliert und nur noch wenig gefragt fühlen, sind deshalb dafür auch selbst mitverantwortlich. Ein ehrliches Fazit muss also lauten: Mit dem Alter wächst manchmal die Leistungsfähigkeit, aber sehr häufig sinkt sie eben. Diese Tatsache wird gern verschwiegen. Und, das wiegt schwerer, sie wird in den Strukturen der Arbeitswelt viel zu wenig berücksichtigt. Im Grunde haben wir doch immer noch über weite Strecken ein sehr beamtenmäßiges Gehaltssystem: je älter, desto besser bezahlt. So sind die Tarife konstruiert. Aber in diese Richtung wirkt auch die Tradition: Wer sich einmal ein bestimmtes Gehaltsniveau erarbeitet hat, kann selbst in schweren Zeiten häufig sehr zäh daran festhalten. De facto werden Ältere, zum Beispiel im Kündigungsfall, auch besser geschützt. Dagegen werden die jungen Leute kurz gehalten.

Die Folgen sind genau jene, die wir alle nicht wollen: Junge Arbeitnehmer haben bessere Chancen, werden aber zu schlecht bezahlt, die Alten will keiner. Was würde passieren, wenn wir von einem Tag auf den anderen wirklich nach Leistung bezahlten? In vielen Fällen bekämen die Jungen Zuschläge und die Alten müssten zurückstecken. Natürlich kann man die Struktur nicht mit dem Holzhammer aufbrechen. Aber wenn man nicht wenigstens daran arbeitet, werden die Jungen auswandern und die Gehaltsniveaus der alternden Belegschaften zu stark steigen, um noch wettbewerbsfähig zu bleiben.

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