Arbeitsmarkt im November
Kommentar: Der große Erfolg

Es ist wahrlich eine Sensation. Die saisonbereinigte Arbeitslosenquote liegt mittlerweile niedriger als in den Boomjahren 2001 und 1995. Damit erreicht der Abbau der Arbeitslosigkeit erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik die sogenannte Sockelarbeitslosigkeit. Ein Blick zurück erklärt die Tragweite dieses Trendwechsels.
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Das dauerhafte Massenproblem beginnt im Jahr 1975. Die Bundesrepublik hat 20 Wirtschaftswunderjahre hinter sich – da erlebt sie eine „Krise der Marktwirtschaft“, wie selbst der Sachverständigenrat, der Vater der vorsichtigen Formulierung, schreibt. Erstmals sind mehr als eine Million Menschen ohne Arbeit. Vollbeschäftigung – diese Ära geht innerhalb weniger Monate zu Ende.

Es sollte eine neue beginnen: Die Zahl der Arbeitslosen steigt von nun an dauerhaft. 1982 haben erstmals mehr als zwei Millionen Menschen keine Arbeit. Mehr als drei Millionen sind es 1992. Mehr als vier Millionen 1994. Und schließlich zu Jahresbeginn 2005 mehr als fünf Millionen. Arbeitsmarktforscher finden für das Problem – jahrzehntelang entstehen in konjunkturellen Boomphasen zwar neue Arbeitsplätze, aber stets weniger, als zuvor verloren gegangen sind – einen schlüssigen Begriff: Treppenfunktion. Bei der Suche der Ursachen sind sie dagegen weniger treffsicher.

Eines der Stichworte heißt Strukturwandel: In der Industrie gehen mehr Stellen verloren, als im Servicesektor hinzukommen. Das liegt zum einen am technischen Fortschritt, der die Produktivität der Unternehmen wesentlich steigert, und so Menschen millionenfach überflüssig macht: Mehr Güter können von weniger Händen hergestellt werden. Zum anderen aber auch an der deutschen Regulierungswut. Sie verhindert, dass der Arbeitsmarkt tatsächlich wie ein Markt funktioniert – also, das Angebot und Nachfrage das Sagen haben.

Das Jahr 2002 markiert einen Kurswechsel. Die Wirtschaftsweisen liefern mit ihren „Zwanzig Punkte für Beschäftigung und Wachstum“ eine Blaupause, die der sozialdemokratische Bundeskanzler Gerhard Schröder 2003 aufgreift. So entsteht die Agenda 2010: Die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes wird gekürzt, die Leistungen für Langzeitarbeitslose werden reduziert, der Anreiz, einen Job zu suchen, steigt.

Dieses Kapitel der Geschichte wird ein Erfolg. Derzeit lebt das Land seit dem vierten Quartal 2004 im Aufschwung – mit bislang zehn Quartalen ist das die längste Erholungsphase seit der deutschen Wiedervereinigung. Im laufenden Aufschwung haben zudem bereits mehr Beschäftigte eine Stelle gefunden als in den Boomphasen zuvor. Und anders als um die Jahrtausendwende, als überwiegend Teilzeitstellen geschaffen wurden, sind es nun vorwiegend Vollzeitstellen.

Die Entwicklung der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten untermauert letztlich den positiven Trend. Im zurückliegenden Abschwung wurden zwar laut Bundesagentur zwei Millionen dieser Stellen abgebaut, und im Aufschwung entstand bislang nur eine Million neue. Aber erstens läuft der Aufschwung noch, und zweitens ändert sich Arbeitswelt derart, dass der Vergleich hinkt. Durchgängige Biografien von sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten werden seltener, solche mit einem Wechsel zwischen abhängiger und selbstständiger Beschäftigung häufiger. Außerdem gilt für die „vollen Jobs“: Ihre Zahl wächst schneller als am Höhepunkt des New-Economy-Booms, nur das absolute Niveau von damals ist noch nicht erreicht.

Wie historisch die Trendwende ist, lässt sich an einer kleinen Anekdote ablesen: Bereits im Sommer hatte man intern in der Bundesagentur für Arbeit (BA) diskutiert, öffentlich zu sagen, dass die Arbeitslosenquote mittlerweile niedriger liegt als in den Boomjahren 1995 und 2001. BA-Chef Frank-Jürgen Weise entschied sich dagegen. So lange nicht feststeht, ob der Trend nachhaltig ist, bleibt der Behördenchef vor allem eines: vorsichtig.

Der Blick auf die Berliner Politik zeigt, wie Recht er hat. Die Verlängerung der Bezugsdauer des Arbeitslosengelds I für ältere Erwerbslose markiert einen grundlegenden Kurswechsel – in die falsche Richtung: Statt Erwerbslose schneller wieder in Beschäftigung zu bringen, sollen Arbeitslose mehr fürs Warten bekommen. Statt sie bei der Arbeitssuche zu unterstützen oder umzuschulen, soll ihre Arbeitslosigkeit länger finanziert werden.

So schreibt man in Berlin neue Kapitel für künftige Geschichtsbücher. Aber der Titel lautet diesmal: Wie man Erfolge rückgängig macht.

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