Arbeitsmarkt
Kommentar: Einfache Rechnung

Die Arbeitsmarktpolitik der Regierung wirkt. Das behauptet zumindest die Regierung, seit die neuen Beschäftigungszahlen auf dem Tisch liegen. Wir aber denken an einen ganz alten Ökonomenwitz: Was waren die wirtschaftlichen Folgen der Französischen Revolution von 1789? Die Antwort: Viel zu früh, um das zu sagen.

Ob die Hartz-Reformen tatsächlich nachhaltig Jobs schaffen, wissen wir erst in einigen Jahren. Bisher haben die Berliner Strategen nicht den Arbeitsmarkt bewegt, sondern lediglich die Statistik: Einige Tausend Karteileichen, die niemals wirklich auf der Suche nach einem Arbeitsplatz waren, sind aus dem Zahlenwerk der Nürnberger Bundesanstalt verschwunden. Und ein paar Tausend Arbeitslose, die ohnehin mit dem Gedanken an Selbstständigkeit spielten, erklärten sich zur Ich-AG. Die Zahl der Beschäftigten in Deutschland ist dagegen auch im Juni weiter gesunken. Von einer Trendwende kann deshalb keine Rede sein, wie Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement ehrlicherweise auch zugibt. In der gegenwärtigen Konjunkturlage wäre alles andere auch ein Wunder: Erst wenn wir wieder mehr Wachstum haben, können auch wieder mehr Arbeitsplätze entstehen.

Die eigentliche Probe auf das Exempel vernünftiger Arbeitsmarktpolitik kommt nicht im Abschwung, sondern im Aufschwung. Die strukturelle Arbeitslosigkeit in Deutschland hat sich in den drei Rezessionen der siebziger, achtziger und neunziger Jahre aufgebaut. In den Aufschwungphasen ging die Sockelarbeitslosigkeit nie wieder auf das alte Niveau zurück. Das Gleiche wird Deutschland nach dem Ende der jetzigen Flaute passieren, wenn nicht weitere Reformen auf dem Arbeitsmarkt folgen. Strukturelle Probleme verschwinden nicht mit konjunkturellen Impulsen.

Selbst in einem flexiblen Markt wie den Vereinigten Staaten erleben wir gegenwärtig das Phänomen von „jobless growth“. Wenn es (frühestens) im nächsten Jahr auch im überregulierten Deutschland wieder aufwärts gehen sollte, werden wir erst recht Wachstum ohne neue Jobs erleben. In einer unsicheren Konjunkturphase bauen Unternehmen nur dann schnell neue Arbeitsplätze auf, wenn sie die neuen Beschäftigten im Zweifel schnell wieder loswerden können. Eine einfache Rechnung, die viele Politiker offenbar nur schwer verstehen.

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