Arbeitszeit
Kommentar: Draufsatteln schadet

Erleben wir die Schlacht um die Arbeitszeit neu, diesmal als Kampf um die 50-Stunden-Woche? Einige Ökonomen äußern sich so, als müsse eine generelle Arbeitszeitverlängerung in Deutschland die höchste Priorität erhalten. Doch so wichtig es ist, das Thema Arbeitszeit zu enttabuisieren: Eine allgemeine Verlängerung ist nicht die dringendste Reformaufgabe.

Die Privatwirtschaft hat sich im Gegensatz zum Staat in den vergangenen Jahren weitgehend auf die durch Europäisierung und Globalisierung veränderten Bedingungen eingestellt. Es gibt noch Baustellen, etwa die Kosten von Arbeitsleistungen, die in vergleichbarer Qualität im Ausland billiger angeboten werden.

Längere Arbeitszeiten sind für manche, aber nicht für alle Unternehmen ein taugliches Mittel, Arbeitsplätze im Inland zu halten, die akut gefährdet sind. Gestern hat die OECD in ihrem Arbeitsmarktbericht erneut darauf hingewiesen, dass wir die drittniedrigste Arbeitszeit der 26 erfassten Industrieländer haben.

Das liegt nicht allein, aber auch an der Arbeitszeitverkürzung bei Vollzeitkräften. Je Unternehmen muss das schrittweise geändert werden, wobei der Akzent auf flexiblen Zeiten liegen sollte.

Deutschlands größtes Standortproblem aber ist der gewaltige Abstand zwischen hohen Bruttolöhnen und nur bescheiden gestiegenen Nettoeinkommen. Die Reform der Sozialsysteme muss dieses Übel heilen. Wer nach den Zugeständnissen bei den Arbeitszeiten sofort nach der 44-Stunden-Woche ruft, sattelt maßlos drauf und schwächt die Akzeptanz der Hartz-Reform. Sollte die scheitern, nähme nicht nur die Bundesregierung, sondern die Reformfähigkeit Deutschlands Schaden. Deshalb sollte jetzt niemand Nebenkriegsschauplätze eröffnen.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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