_

Arcandor: Arcandor: Geschenk mit kurzer Haltbarkeit

Verbrennt der Konzern weiter mit diesem Tempo das Geld, werden auch staatliche Hilfen vor der Buntestagswahl aufgezehrt sein. Das sollten alle Parteien bedenken, die jetzt nach Bürgschaften rufen.

Die geforderten Staatshilfen für den insolvenzgefährdeten Handels- und Touristikkonzern Arcandor erschienen ihm "notwendig und zukunftsträchtig", verkündet SPD-Chef Franz Müntefering, den Wahltermin fest im Blick. Ganz Volkstribun, verzichtet er nicht auf den Hinweis, bei Arcandor stünden "vorwiegend" Frauenarbeitsplätze auf dem Spiel - nach dem Hilfspaket für den männerdominierten Opel-Konzern also ein Akt ausgleichender Geschlechtergerechtigkeit. Wer will dazu schon Nein sagen?

Anzeige

Und nicht nur Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier warnt vor einer voreiligen Absage der Staatshilfen für den Essener Konzern, auch CSU-Chef Horst Seehofer will sein bayerisches Wahlvolk nicht unnötig vergrätzen. Es sei überhaupt nicht erwiesen, schimpfte er in Richtung EU-Kommission, dass es Arcandor schon vor dem Ausbruch der Wirtschaftskrise schlechtgegangen sei. Offenbar gehören weder Wirtschaftszeitungen noch Konzernbilanzen zur Lektüre des mächtigen Entscheiders.

Für Müntefering und Co. aber drohen die Wahlgeschenke auf Kosten der Steuerzahler früher zum Rohrkrepierer zu werden, als ihnen lieb ist. Nicht die geforderten Bürgschaften über 650 Mio. Euro und erst recht nicht der jetzt diskutierte Rettungsbeihilfekredit über 437 Mio. Euro reichen aus, den vormals unter Karstadt-Quelle firmierenden Konzern wieder auf die Beine zu stellen. Nicht weniger als 2,1 Mrd. Euro seien nötig, rechnet ein von der Bundesregierung in Auftrag gegebenes internes Gutachten der Wirtschaftsprüfung PwC vor, um Arcandor zu retten.

Schlimmer noch: 600 Mio. Euro verbrannte der Konzern allein in der ersten Hälfte des Geschäftsjahres. Das Eigenkapital schmolz fast bis auf die Nulllinie. In der zweiten Hälfte des Geschäftsjahres, die am 30. September endet, wird es für das Unternehmen noch viel dicker kommen. Denn das lukrative Weihnachtsgeschäft ist durch die Umstellung des Geschäftsjahres bereits verfrühstückt.

Die Berliner Wahlkampfstrategen sollte dies schleunigst zum Umdenken veranlassen. Verliert Arcandor in derselben Geschwindigkeit Geld wie in den letzten sechs Monaten, sind auch die staatlichen Hilfsgelder bald perdu. Besonders unangenehm wird es, wenn die nächsten Löcher - wie zu erwarten ist - Ende September aufreißen. Am 27. September nämlich wählt Deutschland den neuen Bundestag. Politiker, die dann mit einer hohen "Cash-Burn-Rate" von sich reden machen, droht die Abstrafung.

Bundeskanzler Gerhard Schröder, der 1999 Philipp Holzmann unter die Arme griff, hatte mehr Glück. Der Baukonzern ging erst 2002 endgültig pleite. Die Große Koalition könnte schneller vom Missgeschick eingeholt werden.

  • Kommentare
Kommentar: Iran-Krise bedroht die Weltwirtschaft

Iran-Krise bedroht die Weltwirtschaft

Iran ist bei den Atomgesprächen erneut auf Konfrontationskurs gegangen. Jetzt ist schnelles Handeln gefordert. Kommt es zum Konflikt, stürzt die Welt in eine tiefe Wirtschaftskrise.

Kommentar: Was traurige Bilder nicht erzählen

Was traurige Bilder nicht erzählen

Die ARD nimmt in einer Dokumentationsreihe die Arbeitsbedingungen bei prominenten Konzernen aufs Korn. Damit steigt die Chance auf Besserung der Firmen. Gemachte Fortschritte bleiben oft verdeckt.

  • Kolumnen
Dutschke spricht: The War on Women

The War on Women

Frauen werden in den USA noch immer stark benachteiligt. Das reicht von überteuerten Konsumprodukten für Frauen bis hin zur restriktiven Abtreibungsrichtlinien. Beim Schutz der Frauen hinken die Amerikaner uns hinterher.

Was vom Tage bleibt: Die Tage des „Bankjogs“ nahen

Die Tage des „Bankjogs“ nahen

In Spanien mehren sich Krisensymptome, sodass Banker über den gefürchteten „Bankrun“ nachdenken. Ganz so schlimm wird es nicht. Allerdings ist auch die Vatikanbank mit sich selbst nicht im Reinen. Der Tagesbericht.

Handelsblog Feuert die Dicke Bertha in die falsche Richtung?

Ein Kernproblem im Euro-Raum ist, dass es in den Krisenstaaten einen gefährlichen Link gibt zwischen dem Bankensystem und den Staatsfinanzen dieser Länder. Geldinstitute in Griechenland, Spanien, Irland und anderen Ländern stehen mit dem... Von Olaf Storbeck. Mehr…

Handelsblog Das Versagen von Bayern München, ökonomisch erklärt

Der Ausgang des Champions-League-Finales ist nicht nur peinlich für die Bayern, sondern auch für mich persönlich. Ausgehend vom Marktwert der Spieler hatte ich prognostiziert, dass Bayern gewinnen wird - weil die Mannschaft rund 30% mehr... Von Olaf Storbeck. Mehr…

  • Gastbeiträge
Essay Jürgen Fitschen: Die Sünden der Finanzwirtschaft

Die Sünden der Finanzwirtschaft

Die Finanzbranche hat massiv an Ansehen verloren. Ohne sie würde unser Wirtschaftssystem aber zusammenbrechen, sagt Jürgen Fitschen. Ein Essay des designierten Co-Chefs der Deutschen Bank über die Zukunft der Branche.

Gastbeitrag: Gut gemacht, Chefin!

Gut gemacht, Chefin!

Angela Merkel führt ihre Regierung, wie es in der Wirtschaft gang und gäbe ist. Und doch hagelt es Kritik. Dabei handelt Merkel nur wie ein Manager. Endlich mal - sagt einer der bekanntesten Headhunter Deutschlands.

Otmar Issing: Keine Experimente mit der Inflation

Keine Experimente mit der Inflation

Um zu überleben muss die Währungsunion zum Gleichgewicht zurückfinden. Von Deutschland zu fordern, die eigene Wettbewerbsstärke zu verwässern, ist aberwitzig. Aber es gibt andere Lösungen.

  • Presseschau
Presseschau: „Spaniens Tage sind gezählt“

„Spaniens Tage sind gezählt“

Die Verstaatlichung der spanischen Großsparkasse Bankia ist nach Medieneinschätzung nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die entscheidende Frage sei, wie Spanien die Rettungsmaßnahmen bezahlen wolle. Die Presseschau.