Arcandor
Himmelfahrt

Ein wichtiges Etappenziel seiner Karriere wird der bisherige Telekom-Finanzchef Karl-Gerhard Eick am 1. März des kommenden Jahres erreichen: Endlich ist er Vorstandschef.

Doch Eick tritt den Job nicht an seiner bisherigen Wirkungsstätte in Bonn an, sondern rund 100 Kilometer Luftlinie weiter nördlich in der Konzernzentrale des Essener Handels- und Touristikkonzerns Arcandor.

Als "Himmelfahrtskommando" bezeichnen viele die Position, die bisher noch der ehemalige Bertelsmann-Manager Thomas Middelhoff innehat. Denn von einer nachhaltigen Sanierung der einstigen Karstadt-Quelle AG, die Middelhoff am Ende seiner Amtszeit vorweisen wollte, kann nicht im entferntesten die Rede sein.

Trotz aller Kraftakte und Taschenspielertricks, die der hochgewachsene Mittfünfziger beim Umbau des muffigen Handelskonzerns in eine scheinbar glänzende Holding namens Arcandor vollführte, blieb nach neun Monaten des am 30. September abgeschlossenen Geschäftsjahres unterm Strich ein dickes Minus von rund 375 Millionen Euro übrig. Und es kann sich kaum jemand vorstellen, dass sich das Defizit bis zum Ende des Geschäftsjahres wesentlich verringert hat. Middelhoff selbst will die komplette Jahresbilanz Mitte Dezember in der Bankenmetropole Frankfurt präsentieren.

Er hinterlässt seinem Nachfolger wenig Spielraum zur Zukunftsgestaltung. Denn es gibt kaum einen Kniff, den der charismatische Konzernlenker noch nicht ausprobiert hätte, um das Unternehmen vor dem endgültigen Untergang zu retten.

Middelhoff hat bereits alle Immobilien des Konzerns versilbert, um den von ihm übernommenen Schuldenberg abzutragen - und dennoch lagen die Nettofinanzschulden von Arcandor zuletzt immer noch bei rund 1,5 Milliarden Euro. Middelhoff hat außerdem bereits alle defizitären Handelsaktivitäten wie Sinn-Leffers oder Wehmeyer, die nicht zum Kerngeschäft gehörten, abgestoßen. Doch auch das, was von den Konsumtempeln der Nachkriegsgeneration im Arcandor-Reich noch übrigblieb, wird dem neuen Konzernlenker so manche schlaflose Nacht bereiten. Denn die Zeit der Warenhäuser ist schon lange passé. Vorbei ist die Zeit, in der der Kunde sich gerne tausend Dinge unter einem Dach zeigen ließ.

Heute kaufen die Verbraucher statt bei Karstadt lieber in großen Fachmärkten wie Saturn oder Promarkt ein, die in ihrem speziellen Sortiment über die größte Auswahl an Artikeln in möglichst allen Preislagen verfügen. Oder sie decken sich gleich beim Discounter ein. Negativ schlagen auch die hohen Mieten zu Buche, mit denen der findige Arcandor-Chef die Erwerber der Warenhaus-Immobilien geködert hatte.

Dem neuen Vorstandschef wird wohl nichts anderes übrigbleiben, als auch noch den letzten Rest der Warenhaussparte zu zerschlagen. Wobei nur noch der Markenname "Karstadt" und einige wenige Luxuskaufhäuser wie das KaDeWe in Berlin, das Alsterhaus in Hamburg oder das Oberpollinger in München überhaupt werthaltig sind.

Schlecht steht auch die Versandhaussparte da, der Middelhoff den klangvollen Namen Primondo verpasste. Neben einigen Spezialversendern ist wohl nur noch der teuer erworbene Münchener Einkaufskanal HSE 24 profitabel. Das einstige Versender-Flaggschiff Quelle hat den Anschluss an das Internetzeitalter verpasst. In einer Sparte, die eigentlich eine Domäne des klassischen Versandhandels sein müsste, geben heute Newcomer wie Amazon und E-Bay den Ton an.

Mit gut dosierten Investitionen, vor allem im technischen Bereich, könnte Eick im Versandgeschäft vielleicht das Ruder noch einmal herumreißen. Doch, wo soll das Geld dafür herkommen?

Wenigstens eine Investition, die Middelhoff getätigt hat, hat sich ausgezahlt: die Übernahme der Mehrheit an Thomas Cook, einem der führenden europäischen Reiseveranstalter. Der Anbieter von Pauschalreisen erfreut sich steigender Umsätze und Gewinne. Von dort fließt dem Kunstgebilde Arcandor frische Energie in Form von steigenden Dividenden zu.

Dies wird auch künftig die einzige Quelle sein, aus der der neue Arcandor-Chef schöpfen kann. Doch die Touristikbranche ist sehr volatil, weil die Kunden äußerst sensibel auf Naturkatastrophen, Kriege oder Terrorattacken reagieren. Ob die Leute auch im nächsten Jahr unter dem Eindruck der Weltfinanzkrise ihre Reisen unvermindert buchen werden, steht heute noch in den Sternen .

Klar ist: Auf den grundsoliden und erfolgsgewohnten Telekom-Finanzchef Karl-Gerhard Eick wartet bei Arcandor ein eng umzäuntes und dazu auch noch vermintes Gelände, auf das er sich, wie man hört, auch nur mit einer hohen Risikoprämie hat locken lassen. Das ist dann der Lohn der Angst für eine eigentlich kaum zu lösende Aufgabe.

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