ARD
Die Brennpunkt-Flut

Zehn Tage in Folge hat die ARD jetzt Brennpunkte zum Hochwasser gezeigt – nur teils haben sich dabei die guten Seiten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gezeigt. Vor allem die Moderatoren enttäuschen. Ein Kommentar.
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Sigmund Gottlieb dröhnt und dröhnt und dröhnt. Man könnte ihn sich gut an einem Megafon vorstellen in einer Fußgängerzone, in der er für eine zwielichtige Tierschutzorganisation um Spenden für vermeintlich notleidende Hunde Spenden sammelt. Mit solcher Penetranz in der Stimme drängte der Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks (BR) am Montag im ARD-Brennpunkt die Zuschauer dazu, für die Hochwasser-Geschädigten zu spenden. Als wäre es nicht schon genug gewesen in der 45-minütigen Sondersendung, gleich drei Beiträge zum Thema zu bringen: Eine Reportage über Spendenorganisationen, ein Interview mit Bundespräsident Joachim Gauck, ein Interview mit dem Chef eines Spendensiegel-Verbands.

Das Massieren der Mitleidsdrüsen der Zuschauer war der traurige Höhepunkt von nun mehr zehn Tagen Sondersendungen in Folge – immer im Anschluss an die 20-Uhr-Tagesschau, immer mit guter bis sehr guter Quote. Die ARD wehrt sich so gegen den immer wieder aufkommenden Vorwurf, die Nachrichtenkompetenz der Sender zu verhalten auszuspielen. Und es gab Lichtblicke: In einer der ersten Sendungen zeigte die ARD etwa Video-Mitschnitte von Betroffenen und blendete Stimmen aus sozialen Netzwerken ein. In einem MDR-Brennpunkt sprach der Chefredakteur des Senders, Stefan Raue, davon, dass einzelne Luftaufnahmen von einer Drohne gemacht worden seine, einer „guten Drohne“. Das klingt nach Innovation.

Doch weder Gottlieb noch Raue schaffen es, den richtigen Ton zu treffen. Gottlieb übertreibt, beschreibt jeden gestapelten Sandsack als würde nur dadurch der Weltuntergang in letzter Sekunde gerettet werden können. Raue hingegen ist der Pastor der Fernsehmoderatoren, der statt des „Wort zum Sonntag“ das „Wort zur Flut“ verkündet. Dass ein Chefredakteur einem Könner Platz macht? Keine Chance. Dass ein Chefredakteur sich vor Ort zeigt? Keine Chance.

Die Brennpunkt-Manie zum Hochwasser hat Geschichte, schon 2002 waren MDR und BR im Dauereinsatz. Damals gab es laut ARD-Programmdatenbank einen Rekord: elf Tage in Folge eine Sondersendung zur Flut. Seitdem kam es ganze dreimal zu ähnlichen Brennpunkt-Häufungen: beim Beginn des Irak-Krieg 2003 (20 Brennpunkte mit tageweiser Unterbrechung), den Aufständen in Ägypten (sieben Brennpunkte mit Unterbrechungen) und der Tsunami und Atomkatastrophe in Japan (sieben Brennpunkte in Folge).

Es zeigt sich also, dass bei der ARD allein die Flutbilder so viele Sondersendungen rechtfertigen: Hubschrauberüberflüge überschwemmter Gebiete, angeschwemmtes und ausgeräumtes Gerümpel. Und dann ist da die Zwickmühle. Wie kann man dem Zuschauer vermitteln: Bayern säuft ab, wir berichten. Niedersachsen säuft ab, das Thema hat sich abgenutzt, wir verzichten?

Doch wenn schon Brennpunkt bis zum Exzess, dann doch bitte mit ein Abwechslung. Die Studios sind erschreckend bleiern und statisch. Die Formate einfallslos: Einzelschicksale rauf und runter, tatkräftige Bürgermeister, Sandsäcke schleppende Helfer. Es gibt keine einzige Animation, weshalb etwa ein Deich bricht. Nichts, das an Modernität erinnert. Stattdessen wird peinlich darauf geachtet, dass von jedem ARD-Sender aus den betroffenen Gebieten mindestens einmal ein Mikrofon auf dem Bildschirm gezeigt wird. ARD, Land unter.

Martin Dowideit, Leiter Digitales, Handelsblatt.
Martin Dowideit
Handelsblatt / Leiter Digitales

Kommentare zu " ARD: Die Brennpunkt-Flut"

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  • Mir fehlt eine sachgerechte Darstellung aller Bundesländer in Ost und West und nicht nur Süd und Nord. Nach über 20 Jahren darf man mal erwarten, dass ein gesamtdeutscher Sender objektiv berichtet und nicht nur den Anfang und das Ende.

  • Ich schaue mir jeden Abend die Sondersendung an, denn ich habe Bekannte, die in direkter Nähe zur Elbe wohnen (Lenzenwische) und von denen ich seit 2 Wochen nichts mehr höre. Durch die Sendung habe ich die Hoffnung, evtl. etwas mehr über diesen Landstrich zu erfahren. Was übrigens auch für andere interessant sein dürfte: Direkt gegenüber liegt Gorleben! Von dort wird leider nichts berichtet.

  • Und wo bleibt die eingefeorderte Innovation auf den online-Seiten des Handelsblattes? Die Videos sind schlimmer als im TV, interaktive Grafiken (auch gern mit finanziellen Auswirkungen) Fehlanzeige.
    http://datenjournalist.de/land-unter-beim-onlinejournalismus-verpasste-chancen-beim-hochwasser/

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