ARD/ZDF
Hemmungslos

Reizen Sie attraktive Provisionen? Haben Sie starkes Selbstvertrauen? Haben Sie einen einwandfreien Leumund? Sind Sie leistungsorientiert? Wenn Sie diese Fragen mit Ja beantworten können, dann hält der Hessische Rundfunk für Sie als Seiteneinsteiger einen lukrativen Job bereit: Rundfunkgebührenbeauftragter.
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Das Stellenangebot als GEZ-Gebühreneintreiber ist im Internet der ARD zu finden. Der Bedarf an frischem Geld ist in den Reihen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ungestillt. Obwohl die Anstalten zuletzt ihre Gebühreneinnahmen um 163 Millionen Euro auf die Rekordsumme von 7,29 Milliarden Euro steigerten, fordern sie noch mehr. Für die nächste Gebührenperiode verlangen ARD 95 Cent und das ZDF 44 Cent monatlich mehr vom Bürger. Warum? ARD und ZDF wollen im digitalen Internetzeitalter in der ersten Reihe sitzen. Und das kostet Geld, viel Geld. Die Gier kennt keine Hemmungen. Mit ihrer kürzlich beschlossenen Digitalstrategie haben sie den bislang größten Eroberungsfeldzug eingeleitet. Gleichgültig ob Internetfernsehen, Online-Filmabrufportale, Podcasts, Handy-TV, HDTV oder neue Digitalkanäle – die Expansion von ARD und ZDF sprengt bisherige Grenzen.

Im Gegensatz zu seinen eher bürokratisch agierenden Vorgängern ist der neue ARD-Vorsitzende Fritz Raff ein politisch gewiefter Taktiker und glänzender Verkäufer. Der gelernte Journalist und ehemalige Gewerkschafter bezeichnet die GEZ-Zwangsgebühr euphemistisch als „Content-Flatrate für Qualitätsinhalte“. Ob es einen Bedarf für diese zusätzlichen Inhalte im Internet gibt, lässt der Schwabe allerdings offen. Aber genau das ist die eigentliche Frage. ARD und ZDF orientieren sich nicht an den Bedürfnissen des Marktes. Sie orientieren sich stattdessen an ihren eigenen. Deutschland besitzt schon jetzt das weltweit größte und teuerste öffentlich-rechtliche Fernsehsystem der Welt. Nirgendwo sonst gibt es eine solche Vielzahl von Fernsehsendern und Radiokanälen. Nun planen Raff und seine Intendantenkollegen dieses opulente Angebot auch auf Internet und Handy zu übertragen. Die Politik reagiert auf diese mediale Machtergreifung bisher hilflos oder passiv. ARD und ZDF nutzen wie schon so oft die Untätigkeit der für den Rundfunk zuständigen Länder, um vollendete Tatsachen zu schaffen.

So kann alsbald die Tagesschau auf dem Handy abgerufen werden. Und Anfang September soll auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin ein zentrales Video- und Audioportal im Internet an den Start gehen. Fast wöchentlich entstehen neue Podcasts auf den mehr als 600 Internetseiten der Anstalten. Die aggressive Expansion von ARD und ZDF droht nun zu einer weit reichenden Wettbewerbsverzerrung im Internet zu führen. Die Gratisangebote der Anstalten behindern und gefährden die Unterhaltungs- und Informationsangebote von privaten Unternehmen. Dabei wird der Kampf zwischen Anstalten und Medienfirmen mit ungleichen Waffen geführt. Während private TV-Sender, Zeitschriften und Zeitungen ihre Online-Angebote mühsam mit Werbung oder Zusatzerlösen wie Merchandising finanzieren, brauchen sich ARD und ZDF nicht um die schwierigen Marktbedingungen zu kümmern. Ihre Rechnung zahlt am Ende der Gebührenzahler.

Mit ihrer Digitalstrategie schießen die Anstalten weit über das Ziel hinaus. Gehört es wirklich zur Grundversorgung durch ARD und ZDF, in einer Online-Börsenzeitung über die Bilanzprobleme des Forderungseintreibers Dresdner Factoring zu sinnieren oder über die Kapitalerhöhung beim Coburger Puppenhersteller Zapf zu spekulieren? Gehören tägliche Newsletter der ARD-Börsenzeitung über Aktienkurse zu den Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Rundfunks? Niemand wird den Öffentlich-Rechtlichen eine Weiterentwicklung in der digitalen Medienwelt absprechen wollen. Doch der sich anbahnende Wildwuchs schadet dem Markt und der Medienvielfalt. Die bisherige Kontrolle von ARD und ZDF reicht nicht aus, um der ungehemmten Online-Gier Einhalt zu gebieten. In vielen Fällen sind die Rundfunk- und Fernsehräte zum reinen Abnick-Gremium verkommen. Das bisherige System der Aufsicht hat versagt. Die Bundesländer müssen endlich den Mut haben, für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk entsprechende Leitplanken zu errichten, damit ARD und ZDF nicht noch weiter vom Weg abkommen. Vielleicht können die Ministerpräsidenten den Intendanten einmal eine Dienstfahrt nach London zur BBC spendieren. Denn die gebührenfinanzierte BBC setzt nicht wie ARD und ZDF auf eigene Videoportale, sie stellt ihre Inhalte über das Filmabrufportal Youtube gratis jedermann zur Verfügung. Das ist preiswert und effektiv.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa

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