Argentinien
Zeit der Korrekturen

Cristina Kirchner verdankt ihren glatten Wahlsieg vor allem Argentiniens Wirtschaftsboom: rund neun Prozent Wachstum in jenen vier Jahren, in denen ihr Mann regierte. Als Néstor Kirchner 2003 Präsident wurde, wagte kaum jemand zu hoffen, dass sich Argentinien von der damals herrschenden tiefen Rezession nach dem Zahlungsstopp für Auslandsschulden so schnell erholen könnte.
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Ob Frau Kirchners Bilanz in vier Jahren ähnlich günstig aussehen wird, hängt ausschließlich davon ab, ob sie das Wirtschaftsmodell ihres Vorgängers modernisieren kann. Mit etwas Glück könnte ihr das gelingen. Denn ob Argentiniens Wirtschaft weiter wächst, entscheidet sich nur zum Teil im Präsidentenpalast, der Casa Rosada. Die Regierung Kirchner profitierte in den letzten vier Jahren von den permanent steigenden Agrarpreisen. Mit Soja, Weizen, Mais und Fleisch können Argentiniens hochkonkurrenzfähige Farmer den Rohstoffhunger der asiatischen Schwellenländer stillen. Daran wird sich so schnell nichts ändern.

Gleichzeitig hat sich die Lage auf den Weltmärkten für diese Produkte erstmals seit einem halben Jahrhundert zugunsten der Produzenten verändert: Die Lagerbestände schrumpfen, die Produktion wird noch länger der Nachfrage hinterherhinken. Argentiniens Exporterlöse werden die nächsten Jahre also auf hohem Niveau verharren, vielleicht sogar weiter steigen. Néstor Kirchner erkannte die Gunst der Stunde. Mit hohen Steuern auf die Agrarexporte glich er den Haushalt aus, füllte die Devisenkasse. Vor allem: Mit seiner Politik eines teuren Dollars verhalf er Argentiniens maroder Industrie zu einer grandiosen Auferstehung. Der billige Peso bescherte der Industrie Importschutz. Und über niedrige Löhne erhielt sie einen Produktivitätsschub. Die Folge: Die Wirtschaft boomt, Jobs entstehen, die Armut ist gesunken. In Argentinien stört sich deshalb bis auf die Agroindustrie niemand daran, dass das ganze Modell künstlich aufgebaut ist: Kommt es zu Wechselkursanpassungen, dann werden Unternehmen reihenweise dichtmachen. Der Boom kann dann schnell zu Ende sein. Denn die Landwirtschaft subventioniert als einzige wettbewerbsfähige Branche des Landes eine insgesamt wenig konkurrenzfähige Wirtschaft. Deshalb gleicht Argentinien heute einer geschützten Insel in der Globalisierung. Man gönnt sich eine Pause. Während in Brasilien, Chile und Mexiko durch die Globalisierung gewaltige Verschiebungen in Volkswirtschaften, Gesellschaften und politischen Systemen stattfinden, erfreuen sich die Argentinier ihres vermeintlich mühelosen Sonderweges.

Das Problem: Die Pfeiler des Modells werden brüchig. Die Mikrosteuerung der Wirtschaftspolitik beginnt, aus dem Ruder zu laufen. Cristina Kirchners Aufgabe wird es sein, eine weitere Erosion zu verhindern. Mit immer neuen staatlichen Eingriffen versuchte die Regierung bisher, die Illusion einer Stabilität aufrechtzuerhalten. Die Unternehmen werden eingeschüchtert, falls sie die Preise erhöhen oder Produkte nicht mehr anbieten. Die sozialen Ausgaben steigen von Quartal zu Quartal. Die Inflation wird auf die doppelte Höhe dessen geschätzt, was offiziell angegeben wird. Mit viel gutem Willen lässt sich das als Strategie im zurückliegenden Wahlkampf erklären. Aber jetzt lautet die Frage: Kann Cristina Kirchner diesen Kurs hart korrigieren und die Glaubwürdigkeit der Regierung wiederherstellen? Es ist ein Spiel mit dem Feuer: Steigt die Inflation in einem chronisch instabilen Land wie Argentinien, das in den letzten 50 Jahren 17 Jahre der Hyperinflation erlebt hat, dann lässt sich dieser Prozess kaum noch stoppen. Und betroffen werden wie immer zuerst die Armen sein.

Aber die Chancen, dass der künftigen Präsidentin die Korrektur gelingt, stehen nicht schlecht. Denn das wirtschaftliche Umfeld ist positiv. Lateinamerika wächst zum Rohstofflieferanten der Weltwirtschaft heran. Der südamerikanische Subkontinent versucht, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch zusammenzurücken. Das Kapital sucht global nach Investitionsmöglichkeiten. Präsidentin Kirchner hat damit eine klare Agenda: Sie muss ihr Land auf die große internationale Bühne zurückführen.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika

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