Artenschutz
Piraten und Profite

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Die Medien greifen dramatische Schlagworte gerne auf. Diesmal macht die Biopiraterie die Runde durch Schlagzeilen und Nachrichtensendungen. Es ist wie immer, wenn Begriffe zugespitzt werden: Es gibt einen Faktenkern und rundherum viele Emotionen.

Biopiraterie – da schwingt der Kampf Gut gegen Böse mit. Da denkt jeder sofort an den profitsüchtigen Großkonzern aus den USA oder Europa, der einem indigenen Volk die genetischen Ressourcen und traditionelles Wissen raubt, damit Milliarden verdient, den Ureinwohnern aber nur Verwüstung oder im Idealfall ein paar Glasperlen übrig lässt. Es hat diese Fälle gegeben, und sie sind auch für die Zukunft nicht völlig auszuschließen. Umso wichtiger ist es, den Zugang zu genetischen Ressourcen zu vereinheitlichen und verbindlich so zu regeln, dass Herkunftsländer und Industrie ihre Interessen möglichst weitgehend gewahrt sehen.

So weit liegen diese Interessen gar nicht auseinander. Die Uno-Artenschutzkonferenz in Bonn steht vor der Aufgabe, sie zusammenzuführen und den Durchbruch für ein völkerrechtlich verbindliches Regime zum Vorteilsausgleich zu schaffen. Neben dem Erhalt der biologischen Vielfalt und der nachhaltigen Nutzung genetischer Ressourcen ist die Frage des fairen Ausgleichs von Vorteilen einer der zentralen Punkte des 1992 geschlossenen Uno-Übereinkommens über die biologische Vielfalt. Unter der Überschrift „Access and Benefit Sharing“ beginnt in Bonn die Debatte über dieses Thema, das aus Sicht vieler Branchen – von der Pharma- bis zur Kosmetikindustrie – von großer Bedeutung ist.

Was bietet der verantwortungsbewusste Teil der Industrie, der in Bonn etwa von der Internationalen Handelskammer (ICC) repräsentiert wird, an? Die Unternehmen wollen sich verpflichten, keine genetischen Ressourcen ohne vorherige Zustimmung des Herkunftslandes in den Forschungs- und Entwicklungsprozess aufzunehmen oder daraus andere Vorteile zu ziehen. Die Zustimmung des Herkunftslandes soll nach dessen nationalem Recht erfolgen. Was die Wirtschaft sich dazu wünscht, ist leicht nachvollziehbar: Es soll möglichst eine nationale Anlaufstelle im Herkunftsland geben, die den Abschluss des Nutzungsvertrages verbindlich und nach international geltenden Standards vorantreibt. Wenn die Unternehmen akzeptieren, dass die Zustimmung einer autorisierten staatlichen Stelle des Herkunftslandes unabdingbare Voraussetzung für den Zugriff auf genetische Ressourcen ist, wird damit eine fundamentale Forderung von Umweltschützern, Entwicklungs- und Schwellenländern erfüllt: das Recht, den Zugang abzulehnen („right to say no“).

Ein Zugang mit minimalem administrativem Aufwand ist übrigens nicht nur für potenzielle Nutzer von Vorteil, sondern auch für die Herkunftsländer selbst. Denn die Länder stehen in Konkurrenz zueinander. Ein Unternehmen, das hohe administrative Hürden eines Staates nicht akzeptiert, wird die erhoffte genetische Ressource in einem anderen Land suchen. Die Herkunftsländer sollten eher die Chancen als die Risiken des Geschäfts sehen: Je mehr Nutzer angelockt werden, desto größer ist die Chance, von einer späteren Kommerzialisierung des nationalen genetischen Pools durch den entsprechenden Vorteilsausgleich zu profitieren.

Stichwort Kommerzialisierung: Die Industrie hat erkannt, dass sie die Herkunftsländer nicht mit Almosen abspeisen kann. Einige Unternehmen zeigen vorbildlich, dass sie ernsthaft dazu bereit sind, das Herkunftsland an der Nutzung einer genetischen Ressource teilhaben zu lassen. Das funktioniert nicht nur über Bargeld, sondern beispielsweise auch über die Schulung von Personal vor Ort. Auch die von Umweltschützern immer wieder geforderte Berücksichtigung der Interessen indigener Völker und lokaler Gemeinschaften ist aus Sicht der Wirtschaft eine Selbstverständlichkeit – wenn es die entsprechenden verbindlichen Regelungen dafür gibt.

Unternehmen haben erkannt, dass sie riesige Imageprobleme bekommen, wenn sie in den Ruf geraten, genetische Ressourcen zu rauben. Konzerne wie Pfizer haben gehörig Lehrgeld bezahlen müssen – und daraus Konsequenzen gezogen. Dass sich das Problembewusstsein so gewandelt hat, ist ein Verdienst der Umweltschützer. Das Schlagwort von der „Biopiraterie“ dürfte damit hoffentlich bald der Geschichte

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent

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