Artenschutz
Was kostet die Welt?

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Am 29. Mai werden wir erfahren, was uns die gegenwärtig aussterbenden Tier- und Pflanzenarten kosten. Der Deutsche-Bank-Ökonom Pavan Sukhdev wird seine von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel in Auftrag gegebene Studie über die „ökonomische Relevanz“ der Artenvielfalt auf der Bonner Artenschutzkonferenz der Vereinten Nationen vorstellen. Eine aufsehenerregende Zahl gab es schon vorab: Rund fünf Billionen Dollar „erwirtschaften“ allein die Naturschutzgebiete jährlich, so eine erste Schätzung.

Jetzt wissen wir also, wie „wertvoll“ die „Waren“ und „Dienstleistungen“ der belebten Natur sind. Wie viel es kostet, den Klimawandel zu bändigen, hat Sukhdevs britischer Ökonomenkollege Nicolas Stern ja auch schon im vergangenen Jahr öffentlichkeitswirksam verkündet. Was aber lehren uns diese Studien tatsächlich?

„Leisten“ die knuddeligen Eisbären in der Arktis mehr oder weniger wertvolle Dienste als hässliche, giftige Kröten im Amazonas-Gebiet, die genauso vom Aussterben bedroht sind? Studien wie die von Sukhdev und Stern sagen in Wahrheit praktisch nichts Interessantes über ihr Objekt, die Natur, aus. Aber sie sagen sehr viel über ihre Autoren und die Adressaten, nämlich die Öffentlichkeit und die Eliten in Wirtschaft und Politik.

Die Natur, also die Welt minus Menschen, scheint nach Ansicht der Auftraggeber nur noch als ökonomische Größe in Dollar und Cent vermittelbar. Ohne handfeste Zahlen ist Umweltschutz in der Wertschätzung der Politik eben doch nur „Gedöns“. Die große Resonanz solcher Stern- oder Sukhdev-Studien gibt ihnen scheinbar recht.

Und ökonomisch quantifizierbare Problemstellungen sind ja auch in politischen Entscheidungsgremien viel leichter zu verhandeln als abstrakte Fragen des Sollens oder Könnens. Politik besteht nach den Vorstellungen derjenigen, die diese Studien erstellen und lesen, aus Geldaufwendungen, die man erhöht oder einspart. Arten- und Klimaschutz werden derart zum Gegenstand von Kosten-Nutzen-Rechnungen: Tiere und Pflanzen liefern uns viele Dollar Rendite, also sollten wir auch einiges reinvestieren. Der Klimawandel kostet uns einige Basispunkte Wirtschaftswachstum, also müssen wir ihn aufhalten. Umweltschutz wird dadurch scheinbar zu einem neuen Feld der globalisierten Wirtschaftspolitik.

Natürlich kostet der Umweltschutz tatsächlich Geld, viel Geld. Jede einzelne Maßnahme zum Schutz der Arten sollte daher an ihrer Effektivität gemessen werden, also möglichst viel Schutz pro eingesetzten Euro bieten. Deswegen gehören auch Wirtschaftswissenschaftler und Finanzexperten in jede Umweltschutzkonferenz.

Doch zur Begründung für Umweltschutzanstrengungen sollten die Ökonomen schweigen. Denn die Motivation zum Schutz der Umwelt kann sinnvollerweise keine in erster Linie ökonomische sein. Studien wie die von Stern und Sukhdev verharmlosen eine Menschheitsaufgabe zu einem Finanzproblem. Sie verdrehen die Prioritäten: Die Natur ist kein Dienstleister des Menschen, sie ist nicht eine von vielen ökonomischen Größen, mit denen die Entscheider in Politik und Unternehmen hantieren. Wir Menschen gehören zur Natur, nicht sie zu uns.

Auf die Spitze getrieben kann man sagen: Sukhdev und Stern versuchen, uns zu überzeugen, die Welt zu retten, damit die Wirtschaft keinen Schaden nimmt. Welch absurdes Weltbild! Ihre Kostenstudien vermitteln zudem den gefährlichen Eindruck, als gäbe es eine Alternative zum Arten- und Klimaschutz. Denn was einen Preis hat, kann man kaufen – muss man aber nicht.

Die Motivation zur Bewahrung der Schöpfung kann keine finanzielle sein. Sonst hätte sie eine zu schmale Basis. Wir sollen Tiere und Pflanzen nicht nur schützen, weil wir sie essen und zu Kleidung, Medikamenten oder Baustoffen verarbeiten wollen. Das ist die denkbar schwächste Motivation für die Bewahrung der Natur. Die Ökonomie maßt sich hier eine Aufgabe an, mit der sie eigentlich nichts zu tun hat und die sie nicht erfüllen kann.

Es geht beim Umweltschutz tatsächlich um Werte. Aber eben nicht um Preise, sondern um „höchste“ Werte. Und daran gemessen gilt: Die Welt kostet nichts und alles.

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