Asien
Im Banne Chinas

Nach der Krise ist vor der Krise. Zehn Jahre nach dem Kollaps der asiatischen Währungen in der großen Finanzkrise des Jahres 1997 fragen sich Analysten, ob die Asiaten die richtigen Lehren daraus gezogen haben. Eines steht fest: An westliche Lehrbücher haben sie sich nicht gehalten.
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Zwar haben die Tigerstaaten tief greifende Strukturreformen bei Unternehmen und Banken eingeleitet, haben die Finanzsysteme mit frischem Kapital und neuen Regeln ausgestattet, den Zentralbanken mehr Unabhängigkeit gewährt und mehr Transparenz zugelassen. Aber die einst künstlich überbewerteten Währungen haben sie nicht freigegeben. Stattdessen suchten die Asiaten ihr Heil in einer Währungs- und Devisenpolitik, die ihnen nun neuen Ärger bescheren kann. Aus Furcht, wieder in eine Notlage zu geraten wie vor zehn Jahren, als Investoren ihr Kapital panisch abzogen, betrieben die Tigerstaaten eine Finanz- und Wirtschaftspolitik, die sich auf drei Säulen stützt: niedrige Währungskurse, hohe Devisenreserven und vom Export getriebenes Wachstum. Ihr Ziel: möglichst hohe Überschüsse als Schutzwall gegen neue Anfälligkeiten aufzubauen.

Das ist ihnen zweifellos gelungen. Auf mehr als 3,3 Billionen Dollar belaufen sich die Reserven in Südost- und Ostasien. Der Aufbau von Liquiditätspuffern war zwar vom IWF empfohlen worden. Doch die Bestände übersteigen bei weitem das Niveau, das die Länder zur Sicherung ihrer kurzfristigen Verbindlichkeiten benötigen. Eine solche Politik geht nur so lange gut, wie andere Staaten bereit sind, mit Defiziten den permanenten Leistungsbilanzüberschuss der Asiaten zu finanzieren. Richtig ist zwar, dass die Tigerstaaten nicht die Ursache für die globalen Ungleichgewichte sind, sondern eher China. Aber ebenso wie Peking managen Hongkong, Malaysia, Thailand, Taiwan oder Singapur ihre Währungen in engen Bandbreiten. Nur Indonesien und Südkorea verfolgen eine flexiblere Politik. Und längst nicht alle haben Kapitalkontrollen abgeschafft.

Die Risiken einer solchen Finanzpolitik liegen auf der Hand: Der hohe Kapitalzustrom treibt Kreditvolumen und Geldmenge in die Höhe, erzeugt Druck auf die Preise. Es drohen Immobilien- und Börsenblasen wie in China und Südkorea. Das System funktioniert nur so lange, wie die Exporte durch niedrige Währungskurse überaus wettbewerbsfähig bleiben und keine Handelsbarrieren errichtet werden. Insofern hängt das Wohl aller asiatischen Exportnationen an einer Politik der offenen Märkte in Europa und den USA. Aber vor allem in den USA entwickelt sich im Kongress eine immer protektionistischere Stimmung. Bricht sich dort eines Tages der Unmut über Chinas eigensüchtige Finanzpolitik Bahn, dann geraten auch jene Tigerstaaten in einen neuen Strudel, die im Gleichklang mit Peking versuchen, ihre Konkurrenzfähigkeit durch künstlich niedrige Währungen zu erhalten.

Langsam, aber sicher braut sich global eine unheilvolle Mischung zusammen: Die spekulativen Carry Trades in Japan, die hohen Überschüsse der Ölstaaten, die Devisenpolitik der Asiaten und die ungebrochene Attraktivität der Emerging Markets als Anlageziel sorgen für eine Liquiditätsschwemme – und eine falsche Gewichtung der Risiken. Zu dieser Situation tragen die Tigerstaaten, die einst die Finanzkrise ausgelöst haben, nur bedingt bei. Aber solange sie Geld eher horten, als es in den Aufbau von Infrastruktur, Gesundheitswesen oder Bildung zu investieren, sind sie Teil dieses Kreislaufs.

Doch wie schwierig es ist, sich im Alleingang aus dem Diktat der chinesischen Währungspolitik zu lösen, musste in den letzten Monaten ausgerechnet jenes Land schmerzlich erfahren, in dem die Asienkrise 1997 ihren Ausgang genommen hatte. Thailand hatte bis zum Coup im letzten Jahr eine Aufwertung des Baht in gewissen Grenzen toleriert. Doch der Preis war hoch: Die Exporte brachen ein, und die Militärregierung führte nach dem Putsch neue Kapitalkontrollen ein, um die Exporte zu stabilisieren. Aus dieser Falle kommen auch andere asiatische Staaten nicht heraus, solange China nicht mehr Flexibilität in der Währungspolitik zulässt. Wie gefährlich Chinas Politik ist, lässt sich an der dortigen Aktien- und Immobilienblase ablesen. Also: Wenn in Asien eine neue Krise droht, dann geht diese eher von China aus als von den Tigerstaaten.

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