Atomenergie
In Japan stören Störfälle kaum

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Die jüngsten Zwischenfälle in Kernkraftwerken werfen ein grelles Schlaglicht darauf, wie unterschiedlich Deutsche und Japaner mit diesem Thema umgehen. In Deutschland gab es Störfälle im Normalbetrieb, überschaubare Mängel und Kommunikationspannen. Und damit gewinnen die Gegner der Kernenergie Oberwasser.

In Japan gab es ein Erdbeben, sehr gefährliche Missstände und ebenfalls Kommunikationspannen. Trotzdem stellt dort niemand die Kernkraft grundsätzlich in Frage. Die Regierung setzt weiter darauf, und wirkliche Kritik gibt es von Seiten der Medien und der Wähler nicht. Woher soll sonst der emissionsfreie Strom für die verwöhnte Zivilisation kommen? Allerdings sind sich jetzt alle einig: Es müssen strengere Sicherheitsstandards her, auch wenn das für einige Reaktoren das Aus bedeutet.

Tokyo Electric Power (Tepco) steht auf Platz vier der weltweit größten Energieunternehmen – gleich hinter Eon und RWE. Nach dem schweren Erdbeben am Montag hatte das Unternehmen zunächst die Schäden an seinem Kraftwerk Kashiwazaki-Kariwa heruntergespielt. Außerdem zeigte sich, dass keine kompetente Werksfeuerwehr auf dem Gelände stationiert war. Und dann stellte sich noch heraus, dass entgegen früheren Gutachten das Kraftwerk direkt auf einer Erdbebenspalte steht. Das Beben am Montag war zudem das dritte, dessen Erschütterungen deutlich stärker waren als das vorgesehene Maximum – das „theoretische Extremerdbeben“. Die Ausrichtung auf das „Extremerdbeben“ galt wohlgemerkt in den Genehmigungsverfahren als völlig übertrieben, weil es an diesen Stellen unmöglich auftreten sollte. Immerhin: Die Leistung der Ingenieure verdient Respekt, weil die Atommeiler dem Doppelten der geplanten Höchstbelastung widerstanden haben.

Das Beben markiert den Höhepunkt einer langen Reihe von Problemen bei Tepco. Die Liste fängt bei der Fälschung von Konstruktionsdaten an und reicht bis zu Störfällen mit nuklearen Kettenreaktionen, die acht Stunden lang außer Kontrolle gerieten – ohne dass die Öffentlichkeit davon erfuhr.

Nach dem jüngsten Zwischenfall musste der Präsident von Tepco zwar Kotau vor Ministern sowie Präfektur- und Gemeindeoberen machen. Premier Shinzo Abe persönlich griff die „unmöglichen Zustände“ in dem Konzern an. Aber dabei geht es nur darum, Stimmung im Wahlkampf um das Oberhaus zu machen. In Wirklichkeit bleibt Japan ein Land der Kernenergie.

Politiker der regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP) haben Japan seit dem Krieg praktische ohne Unterbrechung regiert – und die Entwicklung der Industrie zusammen mit der Ministerialbürokratie gesteuert und gefördert. In den 1960er-Jahren schien die Kernenergie die perfekte Lösung für den steigenden Energiebedarf von Industrie und Haushalten zu sein. Zunächst sah auch alles gut aus, obwohl der Untergrund Japans ständig in Bewegung ist. Die Erdbebenforschung war sich sicher, mit neuen Modellen gefährlichere von weniger gefährlichen Regionen unterscheiden zu können. Japan steht zudem Technik und Wissenschaft grundsätzlich offener gegenüber als Deutschland. Umgekehrt heißt das aber auch: Was die wissenschaftliche Autorität sagt, stellt keiner in Frage.

Zugleich konnten sich die regierenden Politiker und Ministerialbeamten auf eine Tradition paternalistischer Regierung stützen. Die in der Frühneuzeit regierenden Shogune und später das Kaiserreich haben die Bemutterung durch den Staat perfektioniert. Eine wohlmeinende, aber arrogante Führungsschicht konnte die Kernkraft also konsequent ausbauen. Das Volk musste nicht unbedingt alles erfahren, was sich in den blendend weißen Reaktorhallen abspielte. Auf einer eng besiedelten Insel braucht die Verwaltung keine Unruhe unter den Bürgern. Was Japan aber brauchte, war Wachstum – und reichlich Strom.

Doch die Zeit der Bemutterung durch den Staat ist vorbei. Nach den harten Reformen der Stagnation in den 90er-Jahren ist Japan transparenter geworden, sogar diskussionsfreudig. Nach Privatisierungen hat sich die allzu enge Verbindung zwischen den Versorgern und dem Staat gelockert. Vielleicht entschließt sich das reiche Land mit seiner Erdbebengefahr jetzt endlich, auf teure, aber sicherere Reaktortypen zu setzen. Es gibt sie längst – etwa den selbstmoderierenden Hochtemperaturreaktor.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking

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