Attentat auf Chen Shui-bian
Kommentar: Junge Demokratie

Das Attentat auf Taiwans Präsident Chen Shui-bian macht deutlich, wie stark diese dritte freie Präsidentenwahl auf Taiwan das 23-Millionen-Volk emotionell aufgeladen hat.

Das Attentat auf Taiwans Präsident Chen Shui-bian und seine Stellvertreterin Annette Lu, die beide durch Schüsse während des Wahlkampfs heute im Süden der Inselrepublik verletzt wurden, macht deutlich, wie stark diese dritte freie Präsidentenwahl auf Taiwan das 23-Millionen-Volk emotionell aufgeladen hat. Denn es geht um nicht weniger als die Wahl zwischen Unabhängigkeit – um den möglichen Preis einer militärischen Konfrontation mit China – oder eine beschwichtigendere Politik der Insel gegenüber Peking um den möglichen Preis, dass Taiwan am Ende von China vereinnahmt wird.

Chen steht für die erste Variante, die nicht nur in Peking den Blutdruck hebt, sondern auch in Taiwan große Ängste schürt. „Sie sind in dieser Woche unser menschliches Schild“, sagte am Donnerstag zur Begrüßung internationaler Journalisten der stellvertretende Leiter des Rates für Festlands-Angelegenheiten, der sich in der Regierung von Taipei mit dem Verhältnis zu China befasst. Eine Anspielung auf 500 Raketen, die von China aus auf Taiwan gerichtet sind.

Taiwan hat mit der Wahl Chen Sui-bians im Jahr 2000 – als er die nationalistische Kuomintang nach 51 Jahren an der Macht ablöste - erstmals in 5000 Jahren den Beweis erbracht, dass Chinesen auch unter einer Demokratie leben können. Taiwan hat in den 80er und 90er Jahren mit seiner Hi-Tech-Industrie einen weltweit respektierten Aufstieg gefeiert. Es hat eine junge Demokratie etabliert, die bis hin zu Gewaltanwendung – auch im Wahlkampf – noch alle Schwächen offenbart, die eine junge Demokratie haben kann: Stimmenkauf, Korruption, Schlägereien im Parlament, selbst Anschläge.

Chen weiß, wie das ist: Seine Frau sitzt seit einem vermeintlichen Anschlag 1985 im Rollstuhl. Damals herrschte noch Kriegsrecht unter der Kuomintang und Chen Sui-bian, in der Opposition, machte mit seiner Frau Wahlkampf, als sie von einem LKW angefahren wurde. Dieses schwere Schicksal scheint ihm nicht zu drohen. Doch die Schüsse auf ihn sind auch ein Anschlag auf seine Politik, Taiwan auf einen eigenen, demokratischen und auf Unabhängigkeit zielenden Weg zu führen. Chen, der die Demokratie in Taiwan maßgeblich mit erkämpfte, sollte mit der Waffe daran gehindert werden, sie auch gegenüber China zu behaupten. Falls er wieder ganz gesund wird, was sehr wahrscheinlich ist, wird er seinen Kurs möglicherweise noch vehementer verfolgen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%