Attentat in Moskau
Putins Kraftmeiereien

Das Attentat am Moskauer Flughafen hat gezeigt, dass auch ein autoritärer Staat wie Russland verletzlich ist. Ursache ist die verfehlte Politik Putins im nördlichen Kaukasus.

MoskauDer Reflex auf die Terroranschläge kam wie bestellt: Nach dem Attentat am Moskauer Flughafen kündigte Ministerpräsident Wladimir Putin Vergeltung an: Terroristen werde man "kaltmachen, egal wo". Präsident Dmitrij Medwedjew trat etwas leiser auf, indem er "totale Kontrolle" an Knotenpunkten forderte und erste Spitzenbeamte bei Polizei und Geheimdienst entließ.

Doch die versprochene Kontrolle kann und wird es nicht geben. Nicht nur russische Flughäfen haben ein Sicherheitsproblem, ganz Russland hat eines. Dem Land fehlt es schon an einem funktionsfähigen Terrorwarnsystem, wie es in den meisten potenziell gefährdeten Staaten der Welt längst Usus ist. Angeblich erreichten den russischen Inlandsgeheimdienst FSB sogar Hinweise auf das Attentat am Montag - sie wurden nicht ernst genommen. Eine gravierende Verbesserung der Ausbildung muss die Konsequenz des Terrorakts sein, wenn sich die Moskauer künftig einigermaßen sicher fühlen sollen.

Das Land leistet sich 1,2 Millionen Polizisten - ein Drittel mehr als die USA, wo zweieinhalbmal so viele Einwohner leben und durchaus vergleichbare Sicherheitsrisiken bestehen. In Russland aber ist die Polizei schlecht bezahlt und miserabel ausgebildet, die meisten Polizisten verdienen ihr Einkommen mit Bestechungen: 2004 sprengten tschetschenische Terroristen zwei Linienflugzeuge. 30 Euro Schmiergeld hatten gereicht, um durch die Kontrollen zu kommen.

Auch diesmal stammten die Terroristen wohl aus dem Nordkaukasus. Seit vielen Jahren ist die unwirtliche Bergregion ein permanenter Unruheherd. Gegen den Terror von dort kann sich Russland niemals sichern, indem es allein die Sicherheitsvorkehrungen erhöht. So viel Realitätsbewusstsein sollte auch Präsident Medwedjew zeigen, statt seinen Landsleuten Beruhigungspillen zu verschreiben.

Doch die Racheakte, wie sie Regierungschef Wladimir Putin ankündigte, werden erst recht ins Leere laufen. Eines sollte Russland nach den über zwei Jahrhunderte währenden Partisanenkämpfen im Kaukasus verstanden haben: Gewalt provoziert Gegengewalt - so waren die Attentäterinnen der vergangenen Jahre nicht selten Witwen, deren Ehemänner zuvor bei semilegalen Einsätzen von FSB-Einheiten getötet worden waren.

Im nördlichen Kaukasus findet sich der Nährboden, auf dem der Terrorismus gedeiht: Mehr als die Hälfte der Bevölkerung in den russischen Teilrepubliken Dagestan, Inguschetien und Tschetschenien lebt unterhalb der Armutsschwelle. Einige der Bewohner flüchten sich in die Obhut islamischer Extremisten. Die stellen den Unterhalt sicher und radikalisieren ihre Schützlinge für terroristische Attacken.

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