Auch Politiker kommen auf den Geschmack von Weblogs
Rote Blogs und schwarzer Humor

Weblogs haben den Wahlkampf ins Internet getragen und verraten oft mehr als tief schürfende Analysen. Beobachter von unten kommentieren in Online-Tagebüchern die Tagespolitik und ätzen dabei wie der Zuschauer auf dem Sofa: Ein Szenebesuch.

DÜSSELDORF. Zwölf Minuten dauert das TV-Duell zwischen Angela Merkel und Gerhard Schröder bis zur ersten Langeweile-Attacke: "Bin ich der Einzige, der eigentlich jetzt umschalten würde, um sich den ,Tatort? anzugucken?" fragt Torsten. "Muss man als Moderator schleimen?" giftet Roland.

Die beiden gehören zum Autorenteam des Weblogs "Lautgeben.de". Gemeinsam kommentieren die Macher live das Aufeinandertreffen der Kandidaten. Und im Gegensatz zu den politisch korrekten Kommentaren, die zur gleichen Zeit in den Redaktionen der Zeitungen durchdacht werden, ätzt "Lautgeben" so, wie es viele Zuschauer auf dem heimischen Sofa wohl auch tun.

»Die Weblogs von Handelsblatt.com

Früher waren es die zwei Seiten des Wahlkampfs: die öffentliche der Politiker und Journalisten mit ihren fein ziselierten Reden und tief greifenden Kommentaren. Und die private mit Diskussionen und Lästereien unter Freunden und in der Familie. Heute vereinen sie sich: im Internet. Und vor allem in Weblogs, jenen Online-Tagebüchern, von denen es inzwischen Millionen weltweit gibt, rund 30 000 aktiv gefüllte davon in Deutschland.

Viele von ihnen beschäftigten sich schon während des TV-Duells mit dem Aufeinandertreffen, die meisten waren ratlos. "Am Ende gibt es nur einen klaren Verlierer beim TV-Duell: den Zuschauer", langweilte sich "Medienrauschen.de".

Es ist die Einfachheit, die dieses relativ neue Instrument interessant macht. Wer seine Gedanken im Netz veröffentlichen will, braucht keine Programmiererkenntnisse mehr, muss nicht aufwendig Texte formatieren - er kann einfach losschreiben.

Das tun einerseits politisch interessierte Blogger, wie die Weblog-Autoren genannt werden - und andererseits Politiker selbst. Die Zahl der Weblog schreibenden Volksvertreter ist dreistellig, vor allem jene aus der zweiten und dritten Reihe versuchen ihre Bekanntheit so zu steigern.Richtige Idee, meint Stefan Marschall, Sozialwissenschaftler an der Uni Düsseldorf: "Es gibt nicht mehr die Fernsehöffentlichkeit und die Internetöffentlichkeit. Sie verschmelzen miteinander." Deshalb müssten Politiker überall Präsenz zeigen.

Allein: Die Masse der langweilenden Volksvertreter ist groß. "Man sieht ein schönes Stück Deutschland, und das ist trotz der Anstrengungen sehr interessant", lässt SPD-Vorzeigefrau Andrea Nahles über den Wahlkampf wissen. "Die Union steht dafür, dass Deutschland hierin den Anschluss nicht verliert", salbadert CDU-Bildungsexpertin Katharina Reiche über den Forschungsstandort.

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