Aufschwung
Das andere Russland

Russland ist mafiös, korrupt, machthungrig. Seine Beamtenschaft ist von Geheimagenten durchsetzt, seine Gerichte sind gekauft, und seine Journalisten werden gegängelt. Das sind nur einige Vorurteile. Nicht alles davon ist falsch - es gibt jedoch auch ein anderes Russland.

Russland ist ein Abgrund: Es ist mafiös, korrupt, machthungrig. Seine Beamtenschaft ist von Geheimagenten durchsetzt, seine Gerichte sind gekauft, und seine Journalisten werden gegängelt. Sein autokratischer Präsident führt in Tschetschenien einen brutalen Krieg und biegt sich Wahlergebnisse nach Gutdünken zurecht. Und: Russland ist unberechenbar, war es immer und wird es immer sein.

So lautet ein gängiges Stereotyp. Und es ist an mancher Stelle nicht einmal falsch. Denn tatsächlich ist all das Russland. Aber Russland ist eben auch das Land einer lebendigen Literatur, wie auf der Frankfurter Buchmesse gerade zu sehen, wo das Land als Ehrengast hofiert wird. Es ist auch das Land immenser Potenziale, abzulesen am hochkarätig besetzten deutsch-russischen Gipfel in Jekaterinburg. Und es ist auch das Land eines nie da gewesenen Wirtschaftsbooms, das am Mittwoch durch die Vergabe eines Investmentgrades von Moody’s geadelt wurde.

Seit 1999 wächst die russische Wirtschaft. Und wer dies allein auf die Erlöse aus den Öl- und Gasexporten zurückführt, macht es sich inzwischen zu einfach. Unterhalb der sprudelnden Rohstoffquelle beginnt sich eine Mittelschicht zu etablieren, die investiert. Fast unbemerkt haben Großbanken wie Alfa, Sberbank oder Uralsib damit begonnen, Investitionskredite zu vergeben. Bislang war dies in Russland undenkbar. Denn wer hat schon auf die Zukunft vertraut, darauf, dass irgendwann einmal das Verleihen von Geld ein gutes Geschäft sein könnte? So dumm war einst nur der russische Staat, der 1998 mit seiner Schulden- und Zinspolitik die Wirtschaft denn auch prompt in ein Desaster steuerte. Jetzt sind die Realzinsen in Russland negativ, und die einjährige Rubel-Staatsanleihe bringt gerade noch vier Prozent – ein schlechtes Angebot für alle Spekulanten.

Und dieses Russland klopft nun mit Macht an die Tür von Europa. Lieber heute als morgen möchte es den Energiedialog, strebt es in die WTO und irgendwann auch in die EU. Dabei übernimmt sich das Land zuweilen, wie etwa mit seinen Plänen zum Bau gigantischer Pipelines. Aber es drängt, weil es muss. Weil es zu Europa auch für Russland keine Alternative gibt.

Doch Europa geht lieber auf Distanz. Weil man nicht glauben kann, dass all die Stereotypen heute nicht mehr gelten sollen. Vielleicht hat Europa damit Recht. Vielleicht liegt es aber auch völlig falsch.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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