Aufsichtsräte
Black Box

Der Fall IKB zeigt: Aufsichtsräte sind häufig völlig überfordert. Das liegt nicht nur an den Personen, sondern auch am System.
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Warum haben die alle geschlafen? Diese Frage stellt sich ganz schnell, wenn eine Bank wie die IKB in Schieflage gerät. Und sie ist berechtigt. Aus Sicht der Aktionäre, die gestern zur Hauptversammlung zusammenkamen, steht dabei der Aufsichtsrat im Blickpunkt. Er ist die Vertretung der Eigentümer und muss, wie der Begriff sagt, den Vorstand „beaufsichtigen“.

Das Problem dabei: Viele Aufsichtsräte sind überfordert. In Industrieunternehmen dürften nur wenige in der Lage sein, technologische Entwicklungen realistisch einzuschätzen. Sie sehen daher Probleme erst, wenn sie in der Bilanz auftauchen – also zu spät. Bei Banken und Versicherern ist es noch schlimmer: Hier sind auch die Bilanzen kaum noch verständlich. Die Deutsche Bank etwa, deren Chef die eigene Branche zur Transparenz aufruft, bilanziert ein Vermögensvolumen von fast 90 Milliarden Euro „nach Modellen“. Wer soll diese Zahlen nachvollziehen? Wer versteht die Annahmen und die Berechnungen dieser „Modelle“, die ja für jeden Marktbereich sehr unterschiedlich sein können? Oft bleibt für Aufsichtsräte das, was sie beaufsichtigen, daher eine Black Box.

Alle Versuche, das Problem zu beheben, haben einen Haken. Lassen wir den Streit über Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat an dieser Stelle einmal ganz beiseite und konzentrieren uns auf die Kapitalseite des Gremiums. Eine naheliegende Forderung wäre, Politiker aus den Aufsichtsgremien herauszuhalten, weil bei ihnen die Vermutung, dass sie etwas vom Geschäft verstehen, nicht unbedingt naheliegt. Aber soll der Staat da, wo er noch eigenes Kapital investiert hat (was wohl das eigentliche Problem ist), auf die Kontrolle verzichten? Das würde man ihm erst recht vorwerfen, wenn etwas schiefgeht. Es fragt sich allerdings, ob Politiker geeignete Aufsichtsratsvorsitzende abgeben.

Eine zweite Forderung lautet, möglichst kompetente Manager ins Boot zu halten. Sie ist sicher grundsätzlich sehr richtig. Aber wer ist kompetent? In den meisten Fällen sind es vor allem Leute aus der eigenen Branche. Man kann zwar auch einem Banker erklären, wie ein Auto funktioniert, und einem Automanager, wie eine Bankbilanz aufgebaut ist. Aber kann der Banker deswegen beurteilen, ob Elektroautos die Zukunft der Branche oder eher ein Treppenwitz der Technikgeschäfte sind? Und kann der Automanager beurteilen, ob Großkredite oder Wertpapiere nur vorübergehend unverkäuflich oder wertlos sind?

Kompetent sind also Leute aus der eigenen Branche. Damit haben die Konzerne eine schlechte Wahl: Entweder sie besetzen den Aufsichtsrat mit Ex-Managern aus dem eigenen Haus. Dann wirft man ihnen zu Recht vor, dies lade ein zu Kungelei und verstoße gegen die Regeln für eine saubere Unternehmensführung. Außerdem sind Leute im Pensionsalter nicht immer die goldenen Treffer, wenn es darum geht, ganz neue Entwicklungen einzuschätzen.

Die andere Möglichkeit: Man holt sich Aufsichtsräte von der Konkurrenz ins Haus. Aber wer will das schon? Eine weitere Variante ist der stärkere Einsatz von Berufsaufsichtsräten. Also zum Beispiel von ehemaligen Bankvorständen, die sich auf den Aufsichts-Job konzentrieren – für die Bankbranche, nicht als Feld-Wald-und-Wiesen-Kontrolleure im alten Stil. Das kann freilich nur funktionieren, wenn man diese Leute entsprechend bezahlt, sonst bekommt man die Gescheiterten der Branche, die nicht einmal den „goldenen Handschlag“ erhalten haben. Und es hilft nur, wenn sie einen direkten Draht zum Vorstand haben.

Ein Patentrezept, Aufsichtsräte kompetenter zu machen, gibt es also nicht. Letztlich braucht es innerhalb des Gremiums eine flexible und praxisgerechte Arbeitsteilung, die möglichst auch nach außen dokumentiert werden sollte. Der Vorsitzende, der vor allem die Unabhängigkeit der Kontrolleure vom Vorstand garantieren sollte, muss nicht unbedingt der größte Experte sein, vielleicht nicht einmal der, der das meiste Geld verdient. Aber wenigstens einen Experten für den Kernbereich der Branche braucht es auch, und der muss sehr zeitnah und tief vom Vorstand informiert werden, vielleicht sogar seinen Job hauptberuflich machen. Klar ist auch, dass alle Aufsichtsräte immer stärker Informationen und vor allem Erklärungen einfordern müssen. Zwar hat hier grundsätzlich der Vorstand die Bringschuld, was manchmal übersehen wird. Aber die Kontrolleure müssen ihn treten, wenn er nur das formal Allernotwendigste abliefert – vielleicht aus Angst, die Arbeitnehmerbank könne zu viel Einblick bekommen.

Den perfekten Aufsichtsrat werden wir nie bekommen. Aber etwas mehr unabhängiges Expertengremium und etwas weniger Altherren-Club dürfte in vielen Fällen noch möglich sein.

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