Aufsichtsräte
Die neue Räterepublik

Das System der Unternehmensführung in Deutschland steht vor seiner größten Herausforderung

Weder der gefürchtete Shareholder Value angelsächsischer Prägung, noch der erzwungene Abschied vom austarierten Netzwerk der Deutschland AG haben die Balance in den Führungsetagen der Wirtschaftskonzerne so grundlegend verändert wie es die neue Rolle der Aufsichtsräte tun wird. Wer die neue Republik der Räte besichtigen will, braucht in diesen Tagen nur Hauptversammlungen zu besuchen. Früher waren es die Manager, die Lob und Tadel der Aktionäre kassierten. Heute stehen die Kontrolleure im Visier der Investoren. Aus gutem Grund. Früher standen sie nur als Sitzungsleiter im Rampenlicht, heute mehr denn je als Entscheider in strategischen Fragen .

Wer, so fragt man sich etwa, hat eigentlich das Sagen bei Volkswagen oder RWE? Auf dem Papier der Vorstand. Faktisch wohl eher der Aufsichtsrat. Durchaus erfolgreiche Vorstandsvorsitzende werden ausgetauscht, weil es den Chefaufsehern nicht in den strategischen Kram passt. Und wer ist die entscheidende Figur im Siemens-Drama? Der Vorstand? Wohl kaum. Wenn der Skandal aufgeklärt wird, dann unter Federführung des Aufsichtsrats. Aus gutem Grund hat Gerhard Cromme lange gezögert, den Posten des Chefkontrolleurs bei Siemens zu übernehmen. Angetreten ist er wohl nur unter einer Bedingung: Cromme wird alle Handlungsfreiheit und ein Exempel für gute Unternehmensführung statuieren.

Das ist sich der Chef der Regierungskommission Corporate Governance schuldig. Klaus Kleinfeld, der Siemens-Vorstandsvorsitzende, wird schon bald die Hand des Aufklärers spüren, wenn neue Kontrollsysteme und Ethikstandards in München Einzug halten.

Im Aktiengesetz heißt es zwar, „der Aufsichtsrat hat die Geschäftsführung zu überwachen“. Tatsächlich sind die Räte aber in Zeiten der Globalisierung längst über ihren reinen Kontrolljob hinausgewachsen. Kein Manager könnte heute allein einen automobilen Weltkonzern à la Daimler-Chrysler formieren ohne die massive Unterstützung durch den Aufsichtsrat. Nicht ohne Grund musste Daimlers Chefaufseher Hilmar Kopper zum Abschied bittere Kritik einstecken. Denn der Ex-Banker ist genau so verantwortlich für das Scheitern dieser Vision wie der Anstifter Jürgen Schrempp.

Die Macht in den Konzernen verschiebt sich. Mit ihr – fast unbemerkt – wandelt sich auch das traditionelle duale Governance-System mit seiner strikten Arbeitsteilung zwischen Vorstand und Aufsichtsrat. Die Paralellen zum Board angelsächsischer Prägung mit seinen Executives und Non-Executives in einem einzigen Führungsremium sind inzwischen unverkennbar. Was ein Aufsichtsrat in München heute leisten muss, wird von von einem Chairman in London längst erwartet.

Die Räte bekommen mehr Macht. Das bedeutet mehr Verantwortung, das heißt auch höhere Risiken. Die Antwort darauf ist bei einigen Konzernen offenbar nur der Abschluss eine D&O-Versicherung. Doch mit Haftpflichtpolicen lassen sich keine Qualitätsprobleme lösen. Früher waren Aufsichtsratsmantdate eine Frage der Profession, in Zukunft wird es eine Frage der Professionalität sein.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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