Aufsichtsräte
Falscher Corpsgeist

Täuscht der Eindruck? Deutschen Aufsichtsräten scheint der traditionelle Corpsgeist verlorengegangen zu sein. Selbst bei einem so korporativen Konzern wie Volkswagen ist die Zeit der Kumpanei vorbei.
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In Wolfsburg soll Chefaufseher Ferdinand Piëch den Jahresabschluss nur mit seiner Doppelstimme durchbekommen haben, weil ein Firmenkontrolleur, Betriebsratschef Bernd Osterloh, ihm die Gefolgschaft verweigerte. Grund sind die Querelen mit dem neuen Großaktionär Porsche, bei dem Piëch Gesellschafter ist. Osterloh hätte vielerlei Gelegenheiten gehabt, seine Blockade zu dementieren. Er tat es nicht. Wohl um seine Unabhängigkeit zu unterstreichen, aber auch, um gegen die personellen Machtansprüche des Porsche-Piëch-Clans in den Gremien der VW-Gruppe zu demonstrieren.

Ein anderes Beispiel aus diesen Tagen: Manfred Schneider wird aus dem Metro-Aufsichtsrat gedrängt. Der umtriebige Multi-Aufsichtsrat ist der Familie Haniel offensichtlich unbequem geworden. Auch hier fällt die enge personelle Verquickung zwischen dem Haniel-Konzern als neuem Großaktionär und der börsennotierten Metro auf. Vorstandschef Eckhard Cordes und Familienoberhaupt Franz Haniel führen beide Unternehmen in Doppelbesetzung an der Spitze von Vorstand und Aufsichtsrat. Die Fälle Metro und Volkswagen könnten natürlich so interpretiert werden: Neue Großaktionäre scheren sich einen Teufel um Grundsätze guter Unternehmensführung oder um Interessenkonflikte. Sie besetzen die Schlüsselpositionen nach dem Motto: „Wer zahlt, der bestimmt.“ Das wäre dann der Rückfall in längst vergessen geglaubte und überholte Prinzipien der Unternehmenskontrolle – ein Schlag ins Gesicht moderner Corporate Governance.

Man sollte Fälle wie Metro und Volkswagen aber anders interpretieren. Einzelne Unternehmenskontrolleure lehnen bestimmte Entscheidungen ab, sie lassen sich nicht vereinnahmen – nicht mehr. Verweigerung des Fraktionszwangs würde man in der Politik dazu sagen. Positiv formuliert: Aufsichtsräte nehmen ihre Kontrollfunktion wahr. Es wird nicht nur kontrovers diskutiert, es wird auch so abgestimmt, und zwar gegen vermeintliche Gremienzwänge, gegen einen überholten Corpsgeist, wonach Aufsichtsräte sich als Institution in Einstimmigkeit zu üben hätten.

Das Ergebnis solcher Widersprüche ist nicht befriedigend. Bei Metro hat sich Haniel durchgesetzt, bei VW wird Piëch es ihm gleichtun. Bei Metro hatte das bereits personelle Konsequenzen, bei VW ist das wohl nicht zu erwarten. Denn der Betriebsratschef vertritt schließlich die Interessen von 130000 Arbeitnehmern. Ein Osterloh kann sein Mandat nicht einfach hinwerfen.

Mit Spannung darf die Öffentlichkeit allerdings das Verhalten anderer Kontrolleure bei VW beobachten. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff sitzt auf der Eignerseite ebenso wie sein Wirtschaftsminister Walter Hirche. Das Land muss alles andere als glücklich sein über das Drängen Porsches. Oder von Michael Gaul, Vorstandsmitglied bei Eon, dem schon vor Jahren nachgesagt wurde, dass er die Interessenkonflikte Piëchs nicht mehr zu tolerieren gedenke.

Auch beim Handelskonzern Metro lohnt es sich, genauer hinzusehen. Nach dem Abgang Schneiders finden sich auf der Kapitalbank des Aufsichtsrats immer noch Namen wie Bernd Pischetsrieder, Wulf Bernotat oder Hans-Jürgen Schinzler. Die Revolution in den deutschen Aufsichtsgremien der Unternehmen zetteln aber nicht nur Investoren und Hedge-Fonds an. So wie das beispielsweise gerade wieder beim Reise- und Schifffahrtskonzern Tui beobachtet werden kann oder vor einigen Jahren bei der Deutschen Börse. Und das alles ohne Mandate in den Aufsichtsräten. So weit kommt es gar nicht erst. Die Revolution findet inzwischen immer häufiger im Saale statt. Zumal, wenn sich Private Equity in den Kontrollgremien breitmacht, siehe Deutsche Telekom.

Investoren wie Blackstone werden im Zweifelsfall nur nach ihren eigenen Vorstellungen stimmen und damit die traditionelle Gemeinsamkeit der Aufsichtsräte stören. Unterstützung finden sie immer häufiger von unabhängigen Kontrolleuren, die keine Rücksicht auf Seilschaften, alte Verbindungen oder Interessengruppen nehmen. Noch herrscht jedoch falsch verstandener Corpsgeist vor.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent

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