Ausländerpolitik
Volksverblödung

Zwei gegensätzliche Meldungen zu Ein- und Auswanderung sind in diesen Tagen zu lesen: Da warnt der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Ludwig Braun, vor dem Verlust an qualifizierten und hoch motivierten Köpfen.

Im vergangenen Jahr haben 145 000 Deutsche ihr Land verlassen, die meisten davon jung und gut ausgebildet. So viele Emigranten wurden zuletzt 1950 gezählt, vor Beginn des Wirtschaftswunders. Gleichzeitig werden Pläne der Koalition bekannt, wonach Studenten aus dem Ausland Einreise und Leben in Deutschland erschwert werden sollen: Sie sollen vor der Einreise schärfer kontrolliert, in Deutschland intensiver überwacht und ihre Aufenthaltszeit soll verkürzt werden.

Nun könnte man dies bösartigerweise als eine Art Volksverblödung zusammenfassen: Die Klugen wandern aus, bildungshungrigen Zuwanderern wird die Einreise erschwert. Tatsächlich zeigt dies die Hilflosigkeit und Ignoranz, die die deutsche Ausländerpolitik seit Jahren auszeichnen.

Noch nie waren so viele Menschen auf der Suche nach einer besseren Zukunft fern ihrer Heimat wie in diesen Jahren. „Würden alle Migranten weltweit an einem Ort leben, so wäre dies das fünftgrößte Land der Welt“, formuliert der Uno-Weltbevölkerungsbericht. Dabei verschärft sich ein Trend: Es sind die überdurchschnittlich Gebildeten und Motivierten, die sich auf die Wanderschaft begeben. Die intellektuell und sozial Trägen bleiben eher zu Hause. Dies hat dazu geführt, dass trotz gewaltiger Ausbildungsanstrengungen in vielen unterentwickelten Ländern heute zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Wissenschaftler und Techniker in den Industrieländern des Nordens leben.

In vielen Entwicklungsländern führt dies geradezu zu einer Massenflucht der Gebildeten: So haben 70 Prozent der Bevölkerung mit höherem Bildungsgrad aus Guyana, Haiti, Jamaika oder Trinidad und Tobago ihren Wohnsitz in einem OECD-Land, verlässt jeder dritte Akademiker die Enge und den Mief islamischer und arabisch dominierter Gesellschaften. Im englischen Manchester arbeiten mehr malawische Ärzte als in Malawi. In Sambia praktizieren nur noch vier Dutzend jener ursprünglich 600 Ärzte, die seit Erlangung der Unabhängigkeit ausgebildet wurden. Heute sind die Hälfte der weltweiten Migranten Frauen.

Deutschland ist in jeder Hinsicht Teil dieser globalen Entwicklung. So ergab eine Untersuchung der Kreditanstalt für Wiederaufbau, dass zwei Drittel der Abwanderer aus Ostdeutschland folgende Merkmale vereinen: Sie sind überdurchschnittlich gut ausgebildet, sie sind nicht arbeitslos, sondern suchen sich beruflich zu verbessern. Und es sind Frauen, die das Glück in der Ferne suchen und Teil der globalen Migrationsbewegung werden.

Ihre Chancen auf den Arbeitsmärkten der Welt sind nicht schlecht. „Im weltweite Konkurrenzkampf werben viele Länder gut ausgebildete Migranten offensiv an, um so ihren ökonomischen Vorsprung halten und ausbauen zu können“, so der Weltbevölkerungsbericht. Beschämend für Deutschland: Wegen der anhaltenden Arbeitslosigkeit zählt es mittlerweile zu den Anwerbestaaten.

Insbesondere seit Großbritannien und Kanada Anwerbestopps für Krankenschwestern und Ärzte aus den intellektuell ausblutenden Ländern Afrikas verhängt haben, nutzen deutsche Bewerber aus dem Gesundheitssystem die besseren Arbeitsbedingungen in diesen Ländern.

Damit wiederholt sich ein zweiter Trend: Schon in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg war Deutschland größtes Auswanderungs- und Einwanderungsland gleichzeitig: Während Millionen Deutsche Auswandererschiffe in Richtung USA und Kanada bestiegen, war Deutschland zeitgleich Zielland einer millionenhaften Einwanderung aus Osteuropa.

In der deutschen Innenpolitik sind diese Erkenntnisse noch nicht angekommen. Einwanderer müssen fern gehalten werden, weil sie den Einheimischen Arbeitsplätze wegnehmen und die Sozialkosten in die Höhe treiben, so der erste Lehrsatz. Einer empirischen Untersuchung hält er allerdings nicht standhält, weil Migranten meist jene Jobs annehmen, die Einheimischen zu schmutzig, zu schlecht bezahlt und damit unzumutbar erscheinen.

Der zweite Lehrsatz richtet sich gegen ausländische Studenten: Seit den versuchten Kofferbombenattentaten in Regionalzügen der Bundesbahn gelten sie pauschal als Sicherheitsrisiko, dem mit einem noch engmaschigeren Netz der Kontrolle und einer verschärften Überwachung begegnet werden soll. Es sind Abwehrreflexe, die in jedem Zuwanderer eine potenzielle Gefährdung von Wohlstand und Sicherheit sehen – und Deutschland vom globalen Wettbewerb um die Tüchtigen abkoppeln.

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