Auslandsaktiva
Der deutsche Abstieg

Die Auslandsaktiva der Bundesrepublik haben sich seit 1990 vervierfacht. Aber die europäische Transferunion wird die deutsche Dominanz auch in diesem Bereich beenden. Das wusste sogar schon Shakespeare.
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„Kein Borger sei und auch Verleiher nicht; sich und den Freund verliert das Darlehn oft, und Borgen stumpft der Wirtschaft Spitze ab.“ Ein Kernsatz ist das für die heutige Auseinandersetzung in der Europäischen Währungsunion. Und so hat es der alte, aufgeblasene Staatsdiener Polonius in Shakespeares „Hamlet“ auf den Punkt gebracht. Polonius hätte Notenbanker sein können. Aufgrund seiner besserwisserischen Meckerei nervt er seine Umgebung so lange, bis er schließlich im dritten Akt durch einen Dolchstoß aus dem Theaterstück entfernt wird.

Aber seine überlieferte Lebensweisheit ist unsterblich. Und sie erklärt, warum Deutschland in den kommenden zehn Jahren wahrscheinlich um einen wichtigen Teil seines Nettoauslandsvermögens gebracht wird. Der Kern: Jedes klassische Leistungsbilanzüberschussland, das im Zuge eines permanenten Exportübergewichts Geld- und Kapitalforderungen gegenüber dem Ausland anhäuft, betreibt ein fatales Geschäft. Deutschland hat seit Jahren damit Erfahrung.

Ausleihungen an ausländische Abnehmer deutscher Güter tilgen sich vollständig nie, die Kredite werden nicht komplett zurückgezahlt, sondern gestreckt, umgeschuldet, erlassen. Die realen Nettoauslandsaktiva eines Überschusslandes liegen beträchtlich unterhalb der kumulativen Summe vergangener Leistungsbilanzüberschüsse. Die Forderungen gegenüber den Defizitländern erweisen sich als nicht realisierbar, bauen sich im Verlauf der Zeit im Vergleich zur ursprünglichen Zahl stetig ab.

Innerhalb einer Währungsunion, wo das übliche Sicherheitsventil für die Reduzierung von Zahlungsbilanzungleichgewichten, d. h. durch Auf- und Abwertungen, nicht mehr vorhanden ist, erweist sich das Problem als besonders akut. Aber über kurz oder lang wird das Problem gelöst - durch Forderungsverzicht der Gläubiger sowie unvollständige Rückzahlungen seitens der Schuldner. Exemplarisch ist hier die Chronik der deutschen Nettoauslandsaktiva vor und nach der Währungsunion.

In den Jahren vor der Wiedervereinigung im Jahre 1990 hatte Westdeutschland Nettoauslandsaktiva in Höhe von umgerechnet 250 Milliarden Euro aufgebaut. Dass die Zahl nie ins Astronomische wuchs, erklärte sich dadurch, dass sich extreme Ungleichgewichte durch den Mechanismus sich wiederholender Wechselkursanpassungen vermeiden ließen. Um das Jahre 1990 sah der spätere Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer weitsichtig vorher, dass das Auslandsvermögen als „Reservearmee“ fungieren würde, um die Kosten der Vereinigung abzufedern.

Eine Prognose, die sich bewahrheitete. Deutschland ist also Anfang 1999 in die Währungsunion mit kaum vorhandenen Nettoauslandsvermögen (laut Bundesbankstatistik: 34 Millionen Euro) eingetreten. Seitdem wachsen aufgrund der bekannten Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Euro-Mitgliedstaaten und des daraus sich ergebenden starken Auseinanderklaffens der Leistungsbilanzen die Auslandsaktiva der Bundesrepublik unaufhaltsam. Sie überstiegen Ende März 2012 die Marke von 1000 Milliarden Euro. Damit lagen sie viermal so hoch wie 1990.

Von diesem Gipfel wird die Bundesrepublik jetzt herunterkommen, denn von nun an schmelzen die Auslandsaktiva leise, aber unaufhaltsam dahin. Auch wenn der deutsche Leistungsbilanzüberschuss zunächst auf hohem Niveau bleibt, führt die Kombination aus Transferzahlungen wie Schuldenabbaumaßnahmen zugunsten der südländischen Euro-Mitglieder nur in eine Richtung.

Einige werden dies eine „Transferunion“ nennen, andere eine kluge Anpassung an die Realitäten. Da die führenden Regierungen dies offenbar wollen, ist der Weg dahin unausweichlich. Ein schmerzlicher Prozess, der viele nicht zufriedenstellt. Wie der alte Polonius formulierte, steht zu befürchten, dass innerhalb Europas nicht nur der Kredit, sondern auch die Freundschaft gekündigt wird.

Der Autor ist Co-Chairman von OMFIF.

David Marsh
David Marsh
/ Co-Chairman OMFIF

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  • Was wäre die Alternative gewesen ?
    Etwa der Abschluß von zweiseitigen Verträgen mit devisenschwachen Staaten über einen zahlungsfreien d.h. devisenlosen Außenhandel, also Ware gegen Ware, wobei der Warenaustausch zwischen Deutschland und den Partnerländern monatlich Wert gegen Wert verrechnet wird, ohne dass noch Devisen zur Bezahlung fließen und ohne das der Handel mit geliehenem und verzinstem Geld vorfinanziert werden muß ?
    Würde so ein Außenhandelsmodell den Konkurrenten Deutschlands auf dem Weltmarkt gefallen ?
    Insbesondere den USA, die lt.Blessing Brief den Umtausch von Dollar in Gold nicht mehr wünschten ??
    Es ist somit erkennbar, dass Deutschland einen Großteil seiner Waren und Dienstleistungen verschenkt und für die Verluste in letzter Konsequenz der Steuerzahler einzustehen hat.
    Auf diesen Teil des Exportes kann gerne verzichtet werden.

  • Könntet ihr uns nicht diese mobile Guillotine unentgeltlich überlassen, dass wir die Reihen im Athener Parlament endlich lichten könnten?


  • Der Blessing-Brief
    In einem geheimen Brief versicherte die Deutsche Bundesbank unter ihrem damaligen Chef Karl Blessing 1967, ihre Dollar-Reserven nicht in Gold umzutauschen. Warum tat sie das? Insider vermuten, dass Blessing den Amerikanern damals auch zusicherte, die deutschen Goldreserven nicht aus den USA abzuziehen.
    http://www.mmnews.de/index.php/gold/7201-

    Das Versprechen, Dollar nicht in Gold umzutauschen wird von der Bundesbank bis heute gehalten.

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