AUSSENANSICHT
Etikettenschwindel mit Eliteunis

Drei deutsche Universitäten dürfen sich als Eliteuniversitäten fühlen, im laufenden Auswahlverfahren können weitere dazukommen.

Positiv bewertet wurden bisher Anträge auf Einrichtung von Graduiertenschulen zur Förderung von Doktoranden und Forschungscluster, also große, vernetzte Forschungsvorhaben. Mindestens je einmal muss eine Universität in diesen Bereichen erfolgreich sein, bevor sie in die dritte Stufe gelangt, bei der es um den Elitestatus geht. Entscheidend ist dabei das vorgelegte Zukunftskonzept.

Es ist also gar nicht über das entschieden worden, was bereits geleistet wurde, vielmehr stand das zur Debatte, was man in Angriff nehmen will, wie auch bei Anträgen für Fördermittel üblich. Dennoch bleibt festzuhalten, dass Vorhaben beurteilt worden sind, nicht abgeschlossene Leistungen. Deshalb ist es irreführend, davon zu sprechen, den Auserwählten sei der Elitestatus zuerkannt worden: Sie berechtigen zu Hoffnungen und haben Chancen, im internationalen Konzert von Spitzenuniversitäten mitzuspielen. Mehr konnte nicht gesagt werden.

Warum dann die Aufregung in anderen Universitäten und bei Politikern? Bei der Auswahl einer kleinen Zahl von Spitzenuniversitäten entsteht der Eindruck, es gebe eine Zäsur zwischen den Universitäten. Dass aber gerade keine klare Trennlinie besteht, belegt die Tatsache, dass Graduiertenschulen und Forschungscluster an einer ganzen Reihe von Universitäten bewilligt worden sind.

Es ist also nicht so, dass nur an den Universitäten in München und Karlsruhe Exzellenz vorhanden oder zu erwarten wäre. Auch andere Universitäten haben Hervorragendes zu bieten, allerdings ist ihnen das nicht in der Quantität bescheinigt worden wie den ausgezeichneten. Deshalb ist es vom System her durchaus vertretbar, die drei hervorzuheben.

Allerdings gibt es problematische Aspekte. Der Wettbewerb um Graduiertenschulen und Forschungsschwerpunkte hat zu erfreulichen Aktivitäten in den Hochschulen geführt. Die Entscheidungen darüber sind ebenso zu akzeptieren wie andere Urteile über Anträge auf Förderung. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft und der Wissenschaftsrat haben sich über Jahrzehnte in solchen Prozessen bewährt. Von der Politik wurde entschieden, eine dritte Stufe vorzusehen, nämlich die Kür von Spitzen- bzw. Eliteuniversitäten.

Das konnte den Eindruck erwecken – und hierin besteht das Problem –, es gäbe Universitäten, die als Ganze exzellent seien. Das werden selbst die drei Sieger nicht für sich in Anspruch nehmen. Das eine oder andere Fach ist an anderer Stelle mindestens ebenso gut, möglicherweise sogar besser vertreten. Den Politikern in Bund und Ländern musste klar sein, dass es Verlierer unter den sechzehn Ländern geben würde, als sie sich darauf einließen, dass „bis zu zehn“ Universitäten als Ganze gefördert werden sollten.

Das Geschrei zum jetzigen Zeitpunkt kommt zu spät. Aus der Staatskanzlei eines norddeutschen Flächenstaates war vorab zu hören, dass entscheidend sei, ob man in den beiden ersten Förderstufen dabei sei; der Elitestatus interessiere gar nicht so sehr. Das zeugt von einer bemerkenswerten Ahnungslosigkeit, wie die Entscheidungen von Wettbewerben in der Öffentlichkeit aufgenommen und verarbeitet werden: Da werden aus dem Sport übernommene Begriffe eingesetzt. Die Differenzierung in eine 1. Liga und Absteiger ist fast zwangsläufig.

Auch die Universitäten haben es versäumt, rechtzeitig auf die Tücken des Verfahrens aufmerksam zu machen. Bei der Hochschulrektorenkonferenz hat das sehr persönliche Gründe: Der Präsident war zu der Zeit, als man den Finger hätte heben müssen, zurückgetreten. Der amtierende Vizepräsident und ein anderes Mitglied des Präsidiums, der sonst seiner Stimme Nachdruck zu verleihen versteht, waren mit ihren Universitäten (Aachen und Heidelberg) unter den zehn in der Vorrunde. Warum sollten ausgerechnet sie das Verfahren in Frage stellen? Andere, deren Institutionen nicht mehr im Rennen waren (von 27 Universitäten aus zehn Ländern waren zehn in die Vorauswahl gekommen), hätten sich bei einer Intervention dem Vorwurf ausgesetzt, schlechte Verlierer zu sein.

Richtig nämlich wäre gewesen, die dritte Stufe auszusetzen oder sie gar nicht in Angriff zu nehmen. So wirkt das Verfahren planwirtschaftlich. Und das ist auch kein Wunder. Gestartet wurde es nämlich Anfang 2004 von der damaligen Bundesbildungsministerin Bulmahn, SPD, mit der absurden Vorstellung, eine Spitzenuniversität neu zu gründen. Im Lauf der Diskussion kam man dann auf fünf, letztlich auf die Vorgabe „bis zu zehn“. Als ob man einen solchen Sprung anordnen könnte! Spitzenuniversitäten werden nicht ernannt, sondern entwickeln sich.

Eine Unzahl von mehr oder weniger glücklichen Versuchen, Universitäten zu „ranken“, führt immer wieder zu der Erkenntnis, dass man nicht ganze Institutionen vergleichen kann, sondern immer nur Fächer oder Fachgruppen. Danach kann man eine grobe Einteilung derart vornehmen, dass Fächer an bestimmten Universitäten Spitze sind, an anderen ordentlicher Durchschnitt und an einigen auch einmal weniger gut. Wenn man nach den Bewilligungen in den ersten beiden Förderstufen die Ergebnisse abgewartet hätte, wären die bereits vorhandenen Erkenntnisse von Rankings vermutlich größtenteils bestätigt worden. Eine nicht von vornherein feststehende Zahl von Universitäten hätte dann mehr herausragende Bereiche als andere. Die Entwicklung zu Spitzenuniversitäten wäre organisch verlaufen. So ist es auch in der Geschichte der uns ständig als Vorbild vorgehaltenen US-amerikanischen Eliteuniversitäten gewesen. Sie sind weder vom Himmel gefallen noch durch wen auch immer in den Adelsstand erhoben worden, sondern haben sich entwickelt, Step by Step.

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