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Kommentar: Den Zerfall des Libanons verhindern

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Schon wieder melden sich aus dem Hinterhalt die verbrecherischen Kräfte im Libanon, um kaltblütig das Leben des Generalmajors Francois el Hadsch auszulöschen. Damit wollten anscheinend ihre Auftraggeber nochmals beweisen, dass sie die eigentlichen Herren im Zedernland sind. Das ist die erste Hiobsbotschaft. Und die zweite noch schlimmere Nachricht besteht darin, dass die Politiker aller Couleur durch ihre unendlichen Machtkämpfe bewusst oder unbewusst nur die Begleitmusik für die Todesschwadronen spielen und den günstigen Boden für sie schaffen. Der politische Mord scheint sich seit dem gewaltsamen Tod des ehemaligen Premiers Rafik Hariri am 14. Februar im Libanon zum Mittel der Politik etabliert zu haben.

Diese Horrorvision gewinnt an Glaubwürdigkeit, wenn man die Ermordung des Generals im Zusammenhang mit der seit einem Jahr andauernden politischen Krise betrachtet. Der Libanon ist politisch entzweit, und das Amt des Staatspräsidenten ist seit dem 24. Oktober vakant. Sowohl das prowestliche Regierungslager als auch die von der Hisbollah geführte und von Syrien und Iran unterstützte Opposition leiden an politischer Kurzsichtigkeit und zugleich an akuter Konsensunfähigkeit. Dadurch machen sie den Libanon wie in der Vergangenheit zur Kampfarena für die regionalen und internationalen Mächte.

Die Verbindung der libanesischen Krise mit den Krisen in Iran, Palästina und im Irak vermindert nicht die Verantwortung der Libanesen für die trostlose Situation in ihrem Land. Denn sie stehen zum größten Teil hinter ihren machtgierigen konfessionellen Führern. Im Libanon existiert kein nationales, sondern ein konfessionelles Bewusstsein. Dies ist das Ergebnis des politischen Systems, das die Macht im Staat zwischen den Vertretern der 18 Religionsgemeinschaften teilt und die demokratische Entwicklung des Landes behindert.

Die politischen Eliten begingen seit der Unabhängigkeit des Libanons 1943 die gleichen Fehler. Sie suchten bisher in ihren Machtkämpfen ihre Verbündeten im Ausland, um ihre eigenen Machtanteile zu verbessern. So stützten sich im vorigen Jahrhundert die Christen auf den Westen, während die Muslime die Unterstützung von Kairo oder Damaskus suchten. Das Land blieb folglich ohne eigene Identität und geriet sporadisch in Bürgerkriege, zuletzt zwischen 1975 und 1990.

Die politische Stabilität des Libanons war stets regional und international bedingt. Die syrische Kontrolle des Landes infolge der Kuwait-Krise 1990 endete mit dem politischen Bruch zwischen Damaskus und den USA nach dem letzten Irak-Krieg. Die Polarisierung in der Region zwischen der Achse Damaskus- Teheran und den USA, Israel und den gemäßigten Arabern hat dazu beigetragen, die politische und konfessionelle Spaltung des Libanons zu vertiefen und die Verbindung seiner inneren Krise mit den regionalen Krisen herzustellen.

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