Autobranche
Autobranche: Zum Leben zu wenig

Das Stresshormon Adrenalin schafft im Körper die Voraussetzung dafür, dass er Energiereserven bereitstellt, die in gefährlichen Situationen das Überleben sichern. Insofern hat Opel Anfang der Woche eine Adrenalinspritze bekommen. Der moribunde europäische Autobauer wurde mit unser aller Geld, immerhin 300 Millionen Euro, kurzfristig am Leben erhalten.

Dafür hat man der Republik großes Theater geboten, gewagte Spannungsbögen inszeniert, Geschrei, Gestampfe, Empörung. Wir erinnern uns der geplatzten Nachtsitzung, an eine scheinbar entnervte Kanzlerin, an ein Ultimatum und bittere Vorwürfe, die in der Behauptung gipfelten, Barack Obamas Regierung sei eigentlich nicht handlungsfähig. Die bösen Amerikaner. Wehe, es hat sich dabei um eine Schmierenkomödie gehandelt.

Was auch immer General Motors seiner Tochter Opel und der zu Akuttherapie entschlossenen Bundesregierung abgetrotzt hat, wir werden es erfahren. Mit etwas größerer Distanz zum aktuellen Spektakel um Lenkungsausschüsse, Hilfspakete und Brückenfinanzierungen bleibt nach Opel-Inszenierung und GM-Pleite unter anderem die Erkenntnis, dass der Atlantik auch industriepolitisch ein tiefer Graben werden könnte.

Die Autoindustrie steht technologisch mit der bevorstehenden Elektrifizierung der Antriebe vor ihrer wohl größten Herausforderung. Dass sie gleichzeitig schrumpfen muss, steht außer Frage. Die Größenordnungen sind bekannt, weltweit hat die Branche Fertigungskapazitäten von jährlich fast 100 Millionen Automobilen aller Art aufgebaut. Verkauft wird, allen Abwrackprämien zum Trotz, derzeit gerade mal die Hälfte.

Aus dieser Situation haben Amerikaner und Europäer unterschiedliche Konsequenzen gezogen. Während die USA ihre Steuermilliarden dazu verwenden, in großem Umfang Kapazitäten abzubauen, übt sich Europa darin, eigentlich überflüssige Fabriken am Leben zu erhalten.

Das ist alles andere als eine neue Erkenntnis: Seit Jahren ist die Zahl der Beschäftigen in der europäischen Automobilindustrie weitgehend konstant groß geblieben, bei etwa 2,3 Millionen. Sicherlich gab es hier Verschiebungen, neue Fabriken in Osteuropa haben alte im Westen und Süden ersetzt. Dennoch liegen die Unterschiede offen: In den USA hat die aktuelle Krise einen historisch zu nennenden Schrumpfungsprozess nur noch beschleunigt: Waren dort 2003 noch 1,1 Millionen Beschäftigte aktiv, sind es Ende 2008 gut 320 000 weniger gewesen.

Insofern garantiert der Einstieg von Magna und Konsorten bei Opel den europäischen Status quo, die deutschen Strukturen zementiert er sogar. Denn aus Sicht der Bundesregierung war der entscheidende Pluspunkt des Magna-Konzepts ja der, dass, mag die Variante europaweit auch 11 000 Opelaner den Job kosten, hierzulande keine einzige Opel-Fabrik geschlossen werden soll.

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