Autoindustrie
Gefährliche Nischen

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Auf den ersten Blick scheinen es gute Zahlen zu sein: Nach einer langen Zeit mit schlechten Ergebnissen hat der US-Autoriese General Motors (GM) mit fast 900 Millionen Dollar ein vergleichsweise ordentliches Quartalsergebnis präsentiert. In der vergangenen Woche war es beim Konkurrenten Ford ähnlich – statt des erwarteten Verlusts stand plötzlich ein Gewinn von 750 Millionen Dollar in den Büchern.

Doch das ist leider nur die eine Seite. Dass die beiden großen US-Autohersteller wieder ein wenig glänzen, geht im Wesentlichen auf Erfolge außerhalb des US-Heimatmarktes zurück. GM und Ford können vor allem im Ausland punkten, besonders in den Schwellenländern Asiens und Lateinamerikas.

Das große Manko bleibt bestehen – in den USA laufen die Geschäfte weiter extrem schlecht. Damit dort überhaupt noch Autos verkauft werden, müssen die Hersteller immer tiefer in die Trickkiste der Rabatte und Nachlässe greifen. So hat GM gerade ein Finanzierungsprogramm angekündigt, bei dem den Käufern die Zinsen geschenkt werden, wenn sie einen Kredit für den Autokauf aufnehmen – und das mit einer Rekordlaufzeit von fünf Jahren.

Doch auch mit diesen großzügigen Finanzierungshilfen lassen sich die strukturellen Probleme auf dem US-Markt nicht lösen. Der Markt ist gesättigt, die Amerikaner sind nicht mehr bereit dazu, im Stile der Vergangenheit Autos zu kaufen. GM, Ford und natürlich auch Chrysler haben in großem Stil Marktanteile an die starken japanischen Wettbewerber wie Toyota und Honda abgeben müssen.

Erfolgreich sind die Asiaten vor allem deshalb, weil sie immer auch einen Blick auf den Benzinverbrauch ihrer Autos geworfen haben. Den amerikanischen Herstellern war das vergleichsweise egal, was sich jetzt rächt. Ihre letzten guten Jahre in Nordamerika hatten die „big three“ aus Detroit mit schweren Geländewagen („SUV“) und Minivans – als der Spritpreis in den USA gerade einmal ein Viertel des deutschen Niveaus erreichte. Inzwischen haben sich die amerikanischen Preise fast verdoppelt, mit den entsprechenden Folgen für die Autohersteller.

GM & Co. haben keine Antwort auf die steigenden Benzinpreise gefunden. Umweltfreundliche Hybrid-Autos (Fahrzeuge mit Benzin-und Elektroantrieb) gibt es serienmäßig nur bei den Japanern, nicht aber bei amerikanischen Herstellern. Der Diesel-Antrieb, in Europa wegen seines geringen Verbrauchs beliebt, spielt in den USA eine absolut unbedeutende Rolle. Also wieder Fehlanzeige bei den großen drei.

Dass die deutschen Hersteller angesichts der tiefgreifenden strukturellen Probleme der US-Konkurrenz frohlocken könnten, wäre jedoch eine absolut falsche Schlussfolgerung. Nicht nur die amerikanischen, sondern auch die deutschen Autohersteller haben ein Problem mit der wachsenden Bedeutung der Umweltfragen. Daran können auch die unbestrittenen Erfolge beim Diesel nicht hinwegtäuschen. Zum einen ist der Diesel per se nicht sauber. Die Belastung der Atmosphäre durch Rußpartikel ist nicht zu leugnen, die wenigsten Dieselautos in Deutschland sind derzeit mit einem entsprechenden Filter auf den Straßen unterwegs. Dazu kommt die höhere Belastung durch smogfördernde Stickoxide.

Es gibt aber noch einen ganz entscheidenden weiteren Punkt: Mit Porsche, Audi, BMW und Mercedes hat sich Deutschland auf die Premiummärkte spezialisiert. In keinem anderen Land gibt es so viele Hersteller, die ausschließlich auf diese edle Nische des Automarktes setzen. Wenn die Absatzzahlen stimmen und der Benzinpreis vergleichsweise niedrig ist, lässt sich damit wunderbar verdienen, die Ergebnisse der süddeutschen Hersteller beweisen das.

Doch aus diesem Erfolg könnte in den kommenden Jahren ein Problem werden: Die Premium-Karossen aus Stuttgart, Ingolstadt und München sind in der Regel hochmotorisiert und schwer, was zwangsläufig mit höherem Verbrauch verbunden ist. Die große Unbekannte bleibt der Benzinpreis. Wenn es weiter nach oben geht, dann droht den deutschen Herstellern dasselbe Schicksal wie der Konkurrenz aus den USA – weil auch Porsche & Co. keine überzeugende Antwort auf steigende Benzinpreise und zunehmendes Umweltbewusstsein gefunden haben. Und im Moment sieht alles danach aus, dass die Benzinpreise auch künftig weiter kräftig steigen werden.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie

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