Automobilindustrie: Analyse: Bremsmanöver

Automobilindustrie
Analyse: Bremsmanöver

Nur sechs Monate trennen den Genfer Autosalon von der Internationalen Automobilmesse in Frankfurt. Doch innerhalb dieses halben Jahres hat sich die Stimmung in der europäischen Automobilindustrie gedreht. Im September herrschte Aufbruchstimmung am Main, selbst wenn die Auftragsbücher nicht prall gefüllt waren. Die Verkaufszahlen der vergangenen Monate jedoch haben diese Euphorieblase platzen lassen.

In Genf herrscht nur noch die Hoffnung, dass es nicht so schlimm wie befürchtet kommen möge. Auf wichtigen Märkten in Europa – und die europäische Sicht dominiert traditionell die Genfer Messe – ist der Autoabsatz zu Jahresbeginn weiter drastisch zurückgegangen. Vom traditionell schwachen Februar, dessen Zahlen noch nicht vorliegen, ist kaum eine durchgreifende Erholung zu erwarten.

Die Autokonzerne stecken in der Zwickmühle. Sie haben in den vergangenen Monaten ein kostspieliges Modellfeuerwerk abgebrannt, das auf dem Genfer Salon in dieser Woche weiter angefacht wird. Doch die Käufer verweigern sich.

Die Autobauer haben ihre Modellpaletten mit hohem Finanzaufwand weiter aufgefächert, um den veränderten, individuelleren Kundenwünschen entgegenzukommen. Doch zu wenige potenzielle Käufer setzen ihre Wünsche in die Tat um. Nicht einmal die Rabattschlacht, die zur Jahreswende in Europa ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hatte, konnte daran etwas ändern. Hersteller, die ihr Geld nicht in der weniger konjunkturabhängigen und stärker international ausgerichteten Premiumklasse verdienen, bekommen zusehends Probleme.

Die Verunsicherung bei den potenziellen Autokäufern über die wirtschaftliche Entwicklung ist ein Grund für den Käuferstreik. Wer nicht weiß, ob er morgen noch einen Arbeitsplatz hat, setzt ein neues Auto nicht ganz oben auf seine Prioritätenliste. Selbst wenn das Geld vorhanden ist, was angesichts der hohen Sparquote und der Privatvermögen besonders in Deutschland unstrittig ist, wird es nicht ausgegeben.

Das gilt zumindest so lange, wie noch ein funktionierender fahrbarer Untersatz vorhanden ist. An diesem Punkt gehen die Prognosen der meisten Hersteller von falschen Annahmen aus. Immer wieder wird der Hinweis bemüht, dass das ungewöhnlich hohe Alter des Fahrzeugbestandes für einen hohen Ersatzbedarf sorgen müsste.

Diese Rechnung geht nicht auf. So richtig das Argument der Automobilmanager ist, dass individuelle Mobilität ein Grundbedürfnis des Menschen ist, so falsch ist der Schluss, dass die Masse der Menschen alle paar Jahre ein neues Auto braucht. Dieses Bedürfnis entsteht bei den meisten nur, wenn die Wirtschaftlichkeitsgrenze beim bisherigen Auto durch Unzuverlässigkeit und Reparaturanfälligkeit erreicht ist. Diese Grenze hat die Automobilindustrie dank ihrer Qualitätsverbesserungen in den vergangenen Jahren immer weiter nach hinten geschoben.

Wenn zuletzt der Eindruck entstanden ist, die Qualität sinke ständig, liegt das daran, dass besonders automobile Hochtechnologieprodukte auf Grund ihrer zunehmenden Komplexität öfters einmal den Dienst verweigern. Doch Motorlaufleistungen und Korrosionsschutz, zwei maßgebliche Faktoren für die Langlebigkeit, wurden in den vergangenen Jahren stetig verbessert. Das zeigt ein Blick auf die Straßen Europas. Dafür verdienen die Ingenieure der Automobilkonzerne Lob.

Ihre Kollegen aus Absatzforschung und Management scheinen dies aber noch immer nicht ganz verinnerlicht zu haben. Anders ist nicht zu erklären, dass diese mit steigendem Ersatzbedarf und Nachfragestau in Europa rechnen.

Die meisten Prognosen sind noch immer zu optimistisch, die vorgehaltene Kapazität ist noch immer zu hoch. Weiteres hartes Sparen wird nicht ausreichen, um die gesunkenen Renditen wieder zu steigern und Fiat, Ford oder GM in Europa aus ihren roten Zahlen herauszubringen – wobei das Instrument, die Zulieferer weiter kräftig zur Ader zu lassen, bald ausgereizt ist, weil die Hersteller ihnen parallel dazu immer mehr Entwicklungskosten aufbürden. Ein Zurück zu einem schmäleren Angebot oder gar zu sinkender Qualität ist absolut indiskutabel.

Schnellstens große Teile der Produktion aus Westeuropa herauszuverlagern kann als Anpassungsstrategie niemand ernsthaft fordern. Ohnehin stehen die europäischen Hersteller vor dem Problem, dass ihre nach wie vor hohen Exportquoten sich nicht auf diesem Niveau halten lassen. Mittelfristig müssen immer mehr Produkte näher an den Absatzmärkten produziert werden.

Es bleibt am Ende eine traurige Wahrheit: Über kurz oder lang wird die Automobilindustrie in Europa, bislang ein Stabilitätsfaktor der Wirtschaft in der EU, deutlich schrumpfen müssen.

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