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Banken: Die Natur als Vorbild für das Finanzsystem

Wären Menschen und Tiere rein nach Effizienzgesichtspunkten konstruiert, so würden wir alle einäugig und einohrig herumlaufen. Zum Glück ist die Natur intelligenter als die Wall Street: Sie stellt die Sicherheit des Betriebs in den Mittelpunkt.

Nassim Nicholas Taleb ist Wissenschaftler und Buchautor ("Der Schwarze Schwan"). Quelle: Gabriela Hasbun/Redux/laif
Nassim Nicholas Taleb ist Wissenschaftler und Buchautor ("Der Schwarze Schwan"). Quelle: Gabriela Hasbun/Redux/laif

Die Natur ist ein komplexes System mit Strukturen gegenseitiger Abhängigkeit, Nichtlinearitäten und einer robusten Ökologie (andernfalls wäre sie schon vor langer Zeit in die Luft geflogen). Mutter Natur ist uralt und hat ein untadeliges Gedächtnis. Ich möchte hier meine Ideen dazu zusammenfassen, wie die Natur mit Schwarzen Schwänen umgeht.

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Zur Erklärung: Das Auftauchen eines „Schwarzen Schwans“ steht symbolisch für ein Ereignis, mit dem statistisch gesehen nicht zu rechnen war, weil es noch nie beobachtet worden ist; lange Zeit waren in Europa ja nur weiße Schwäne bekannt.

Das wichtigste Geheimnis der Natur ist: Sie liebt Redundanzen, also Doppelstrukturen, die Sicherheit bieten. Dabei gibt es verschiedene Typen. Die defensive Redundanz ist am leichtesten zu verstehen. Es handelt sich dabei um den Versicherungstyp der Redundanz, der es uns erlaubt, unter widrigen Bedingungen zu überleben, da Ersatzteile verfügbar sind. Sehen Sie sich doch nur mal den menschlichen Körper an: Wir haben zwei Augen, zwei Lungenflügel, zwei Nieren und sogar zwei Gehirnhälften (vielleicht mit Ausnahme der Führungskräfte in den Unternehmen), und sie haben alle eine größere Leistungsfähigkeit, als unter normalen Umständen nötig ist. Redundanz kommt daher einer Versicherung gleich, und die scheinbaren Ineffizienzen stehen im Zusammenhang mit den Kosten für die „Wartung“ dieser Ersatzteile und der Energie, die nötig ist, um sie bereitzuhalten, obwohl sie vorerst nicht gebraucht werden.

Ein Wirtschaftswissenschaftler würde das Vorhandensein von zwei Augen und zwei Nieren ineffizient finden – denken Sie nur an die Kosten dafür, diese schweren Dinge über die Savanne zu transportieren! Wenn wir die Natur den Ökonomen überlassen würden, würden sie die individuellen Nieren sicher ganz abschaffen. Da wir unsere Nieren nicht die ganze Zeit über brauchen, wäre es nämlich „effizienter“, sie zu verkaufen und auf Sharing-Basis eine Zentralniere zu benutzen. Zudem könnten wir nachts unsere Augen vermieten, da wir sie beim Träumen nicht brauchen.

Nahezu alle großen Ideen der konventionellen Ökonomie versagen, wenn irgendeine Annahme verändert wird (mein offizielles akademisches Spezialgebiet ist das „Modellrisiko“). Wenn beispielsweise ein Modell von einem mittelmäßigen Risiko ausgeht, wird es große Abweichungen ignorieren; das Risikomanagement wird daher fehlerhaft sein.

Ein anderes Beispiel für einen krassen Modellfehler ist das Konzept des „komparativen“ Wettbewerbsvorteils, das angeblich von David Ricardo entdeckt wurde und Motor der Globalisierung sein soll. Ihm zufolge sollen die Länder sich, wie ein Berater es ausdrücken würde, auf das konzentrieren, „was sie am besten machen“. Ein Land sollte sich also auf Wein spezialisieren, ein anderes auf Bekleidung, und zwar auch dann, wenn eines der Länder in beiden Bereichen besser wäre als das andere. Man sollte aber mal Alternativszenarien durchspielen: Was würde mit dem Land passieren, das sich auf Wein spezialisiert hat, wenn es beim Weinpreis zu starken Schwankungen käme? Diese Überlegung bringt uns zu einer Schlussfolgerung, die der von Ricardo entgegengesetzt ist. Die Natur mag ebenfalls keine zu starke Spezialisierung, weil das die Evolution einschränkt und die Tiere schwächt.

Das ist auch die Erklärung dafür, dass viele Ideen im Hinblick auf die Globalisierung in meinen Augen zu naiv und zu gefährlich für die Gesellschaft sind – es sei denn, man berücksichtigt die Nebenwirkungen. Die Globalisierung könnte den Anschein von Effizienz erwecken. Doch sie führt zu vielfältigen Interaktionen mit dem Ergebnis, dass kleine Risse an einer Stelle sich durch das gesamte System ausbreiten. Das ist wie bei einem Gehirn, das einen epileptischen Anfall erleidet, weil zu viele seiner Zellen zur selben Zeit feuern. Für Schulden gilt das auch – sie machen uns fragil, sehr anfällig. Derzeit lernen wir an der Uni, uns Geld zu leihen, im Widerspruch zu allen historischen Traditionen. Die Mittelmeerkulturen entwickelten im Laufe der Zeit ein Dogma gegen Schulden. Ein römisches Sprichwort lautete: „Felix qui nihil debet“ – „Glücklich ist der, der nichts schuldet“. Großmütter, die die Große Depression in den 1930er-Jahren überlebt haben, würden ebenfalls zum genauen Gegenteil von Schulden raten. Sie würden uns dazu drängen, erst einmal unser Einkommen aus mehreren Jahren in bar zurückzulegen, bevor wir ein persönliches Risiko eingehen. Wenn die Banken das beherzigt hätten, hätte es in der ganzen Geschichte keine Bankenkrisen gegeben.

Wir haben schon aus der Zeit der Babylonier Dokumente, die die üblen Folgen von Schulden zeigen; die Religionen des Nahen Ostens verboten es, Schulden zu machen. Daraus schließe ich, dass Religion und Tradition auch dazu dienten, Verbote durchzusetzen – die Menschen einfach vor ihrer eigenen Arroganz zu schützen. Weshalb? Schulden beinhalten eine starke Aussage über die Zukunft und einen hohen Grad des Vertrauens zu Vorhersagen. Wenn Sie sich einhundert Euro leihen und sie in ein Projekt investieren, schulden Sie auch dann einhundert Euro, wenn Sie mit dem Projekt scheitern (im Erfolgsfall schneiden Sie allerdings umso besser ab). Schulden sind also gefährlich, wenn man zu viel Vertrauen in die Zukunft hat und blind gegenüber Schwarzen Schwänen ist – wozu wir alle neigen. Wer sich Geld leiht, wird durch Vorhersagefehler stärker verwundbar.

Außerdem mag die Natur nichts, was zu groß ist. Das größte Landtier ist der Elefant, und das hat seinen Grund. Wenn ich losziehen und einen Elefanten erschießen würde, könnte ich zwar im Gefängnis landen und mir eine Standpauke meiner Mutter einhandeln, doch die Ökologie der Natur würde ich dadurch kaum stören. Wenn man dagegen eine große Bank „erschießt“, würden mir angesichts der Konsequenzen die Knie zittern. Der Bankrott einer einzigen Bank, nämlich von Lehman Brothers, im September 2008 brachte fast das ganze Gebäude zum Einsturz. Die Natur begrenzt die Interaktionen zwischen den Wesen nicht, sie begrenzt nur ihre Größe. Deshalb schlage ich nicht vor, die Globalisierung zu beenden und das Internet zu verbieten. Wir werden sehen, dass viel mehr Stabilität erreicht werden könnte, wenn man die Staaten davon abhalten würde, Unternehmen zu helfen, die groß werden. Sie sollten lieber dem kleinen Mann wieder Vorteile verschaffen.

Es gibt aber noch einen anderen Grund dafür, dass man von Menschenhand gemachte Strukturen nicht zu groß werden lassen darf. Das Konzept der „Größenvorteile“ (dass Unternehmen Geld sparen, wenn sie groß und damit effizienter werden) scheint häufig hinter Fusionen zu stehen. Und das, obwohl es keine Beweise für seine Richtigkeit gibt – ganz im Gegenteil. Aus offensichtlichen Gründen werden aber weiter solche Fusionen vollzogen: Sie sind zwar nicht gut für die Unternehmen, aber gut für die Prämien an der Wall Street. Und ein Unternehmen, das größer wird, ist gut für den Chef. Mir ist jedenfalls klar geworden, dass Unternehmen zwar „effizienter“ wirken, wenn sie größer werden, dass sie dann aber auch viel verwundbarer durch äußere Zufälle sind: eben durch Zufälle der Art, die als Schwarze Schwäne bekannt ist. All das gilt trotz der Illusion von mehr Stabilität.

Dazu kommt noch die Tatsache, dass große Unternehmen optimieren müssen, um die Analysten der Wall Street zufriedenzustellen. Die Analysten (mit einer Ausbildung in Wirtschaftswissenschaften) werden die Unternehmen drängen, die zusätzliche Niere zu verkaufen und auf Versicherungen zu verzichten, damit ihr „Gewinn je Aktie“ steigt und sie ein besseres Ergebnis vorweisen können. So tragen sie zum Bankrott der Unternehmen bei.

Charles Tapiero und ich haben mathematisch gezeigt, dass viele unvorhergesehene Fehler und zufällige Schocks großen Organismen mehr schaden als kleineren. Wir haben auch die enormen Kosten berechnet, die der Gesellschaft dadurch entstehen; wenn Unternehmen fallen, müssen wir ja die Rechnung zahlen. Das Problem ist aber, dass Regierungen dazu neigen, vor allem diese großen Unternehmen zu unterstützen, da ja „viele Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen“. Außerdem haben solche Unternehmen Lobbyisten, die lautstark falsche Behauptungen aufstellen. Große Unternehmen bekommen daher staatliche Unterstützung, werden noch größer und fragiler und reißen in gewisser Weise die Regierung an sich, wie Karl Marx und Friedrich Engels vorhergesagt haben. Friseure und kleine Firmen scheitern hingegen, ohne dass das irgendjemanden kümmern würde; sie müssen effizient sein und sich an die Spielregeln halten.

Auf eine weitere Analogie zur Natur hat mich Nathan Myhrvold aufmerksam gemacht: das Beispiel der Artenvielfalt. Wir haben Beweise dafür, dass es auf kleinen Inseln viel mehr Arten pro Quadratmeter gibt als auf großen. Wenn wir mehr auf diesem Planeten herumreisen, werden zudem die Epidemien an Heftigkeit zunehmen – es wird sich eine Erregerpopulation entwickeln, die von einigen wenigen Typen beherrscht wird, und der erfolgreiche Killer wird sich viel effektiver ausbreiten. Reisen haben noch weitere Auswirkungen: Das kulturelle Leben wird von wenigen Personen beherrscht. Es gibt zum Beispiel weniger Bücher pro Leser auf Englisch als auf Italienisch. Auch die Unternehmen werden sich von der Größe her noch stärker unterscheiden. Modeerscheinungen werden akuter sein. Runs auf die Banken natürlich auch.

Schließlich gibt es auch noch die funktionelle Redundanz, mit der die Biologen sich beschäftigen. Sie sieht so aus: Im Gegensatz zur Redundanz bei Organen – zur Verfügbarkeit von Ersatzteilen – kann sehr oft ein und dieselbe Funktion von zwei unterschiedlichen Strukturen erfüllt werden.

Dieser Redundanztyp lässt sich am besten durch einen Aspekt der Lebensgeschichte eines schillernden Vogels veranschaulichen: des Wissenschaftsphilosophen Paul Feyerabend. Feyerabend war aufgrund einer Kriegsverletzung impotent, doch das hinderte ihn nicht daran, viermal zu heiraten. Er war zudem ein Frauenheld, er machte zahlreichen Ehemännern und Freunden ihre Partnerinnen abspenstig und brach vielen Frauen das Herz, auch einer ganzen Reihe seiner Studentinnen (damals gestand man Professoren gewisse Privilegien zu, vor allem extravaganten Philosophieprofessoren). In Anbetracht seiner Impotenz war das eine wirklich große Leistung. Offenbar sprangen andere Teile seines Körpers ein und erfüllten den Frauen das Bedürfnis, das sie zu ihm zog.

In den letzten drei Jahren hat die Vorstellung von mir Besitz ergriffen, dass ohne eine Redundanz dieser Art kein Fortschritt möglich ist: Wir wissen heute ja nicht, was wir morgen vielleicht brauchen werden.

Nassim Nicholas Taleb ist Wissenschaftler, Buchautor Börsenhändler. Der vorliegende Essay ist ein exklusiver Auszug aus seinem neuen Buch „Der Schwarze Schwan – Konsequenzen aus der Krise“, einem Nachtrag zum Bestseller „Der Schwarze Schwan – die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse“. Zu beziehen ist das neue Buch ab 2.9. auch über www.handelsblatt-shop.com.

  • 30.08.2010, 20:32 UhrAnonymer Benutzer: Püls

    Lesermeinung zu was?
    Dazu, dass ich mich erneut registrieren muss :-(?
    Sonst ist ihr Angebot i.O.

  • Kommentare
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