Banken
Geld zurück

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Massive Investitionen östlicher Staaten in westliche Banken? Noch vor einem Jahr hätte man jemanden, der mit dieser These ankommt, in die Abteilung für fantastische Literatur geschickt. Mittlerweile ist uns das Muster vertraut: Ein Staatsfonds oder eine Staatsbank aus Nah- oder Fernost pumpt Milliarden in einen Finanzkonzern, der seine Kapitalstärke vergeigt hat. Wer mag es den Investoren aus dem Osten verdenken? In Europa und den USA sind Schnäppchen zu holen – und sie greifen zu.

Dabei geht es um die Crème de la Crème des internationalen Bankenwesens. Zur Erinnerung: Der chinesische Staatsfonds China Investment Corp. (CIC) kauft sich für fünf Milliarden Dollar knapp zehn Prozent an der US-Investmentbank Morgan Stanley. Die chinesische Bank Citic steigt mit einer Milliarde Dollar bei der Investmentbank Bear Stearns ein. Abu Dhabi investiert 7,5 Milliarden in die Citigroup, die ehemals mächtigste Bank der Welt. Beim Schweizer Riesen UBS, lange Jahre gefeiert für seine stabile Ertragskraft, steigen der Staatsfonds GIC aus Singapur und ein Investor aus dem Mittleren Osten ein. Und die US-Investmentbank Merrill Lynch bekommt vom Staatsfonds Temasek aus Singapur mehr als vier Milliarden Dollar – und die müssen sie sogar noch durch weitere Kapitalmaßnahmen ergänzen.

Der neue Trend ist ein Symbol für den Aufschwung der Schwellenländer. Er passt auch zum Aufstieg der chinesischen Banken in den Olymp der nach Marktkapitalisierung weltgrößten Finanzhäuser. Aber es steckt noch mehr dahinter: So kommt letztlich Geld zurück, das – durch die Geschäftspolitik der Banken begünstigt – in den letzten Jahren aus Amerika nach Asien geflossen ist. Denn einen Großteil ihres Kapitals, so fasst es Kreditanalyst Philip Gisdakis von Unicredit zusammen, haben die Staatsfonds mit Hilfe der US-Konsumenten akkumuliert, die mit geborgtem Geld auf Einkaufstour gingen.

Und daran haben die US-Banken kräftig mitgewirkt. Sie drängten die Verbraucher immer stärker zu Konsum auf Pump. Und viele ihrer Kunden machten mit. Die Verbriefung der Kredite und die doppelte und dreifache Verpackung der Risiken am Kapitalmarkt verstärkten den Trend. Denn so verdienten auch die Banken doppelt und dreifach an den weitergereichten Kreditrisiken der US-Konsumenten, und die Risiken schienen sich in Luft aufzulösen – bis die Kredite faul wurden und bei den ersten Banken das Kapital zusammenschrumpfte.

Weil so in den USA nicht genügend gespart wurde, stieg das Leistungsbilanzdefizit auf mehr als sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die meisten Waren kauften die USA in China. Sicherlich, das liegt auch, wie die US-Regierung betont, an der künstlich niedrig gehaltenen chinesischen Währung, die Exporte aus China preislich begünstigt. Aber genauso wichtig ist der auf Pump finanzierte Hunger der US-Verbraucher nach Waren.

In China häuften sich so die Devisenreserven – fast 1,5 Billionen Dollar sind es mittlerweile. Den Großteil steckte China in amerikanische Staatsanleihen und finanzierte so das riesige Defizit der USA. Auf diesem Weg fließt das meiste Geld zurück in die USA – aber eben nicht so spektakulär, als wenn es direkt an die Wall Street geht. Dass diese über Jahre diskutierten, eklatanten Ungleichgewichte – auch gegenüber anderen Staaten in Asien – nicht früher beseitigt wurden, schlägt sich nun ganz folgerichtig in der Investitionswelle der Staatsfonds nieder.

Verstärkt wird das Ganze durch den fallenden Dollar-Kurs. Die sinkende Währung hilft den USA zwar, ihre Verschuldung und ihr Handelsbilanzdefizit wie auf wundersame Weise zu reduzieren, weil einheimische Ware plötzlich wieder konkurrenzfähiger wird. Nicht umsonst betont etwa der Chefsvolkswirt der US-Investmentbank Goldman Sachs, Jim O’Neill, wie sehr die USA den schwachen Dollar mögen.

Den Anlagedruck der Länder mit bereits hohen akkumulierten Devisenreserven aber verstärkt diese Entwicklung. Denn diese Staaten wären dumm, wenn sie weiter passiv einzig und allein auf US-Staatsanleihen setzen würden – in Zeiten, in denen die US-Währung sich im Sinkflug befindet. Neben der Diversifizierung in andere Devisenanlagen sind aktivere Unternehmensinvestitionen, die höhere Rendite abwerfen, ein Ausweg. Die Bankbeteiligungen sind daher ein Spiegelbild der wirtschaftlichen Ungleichgewichte und des Gefälles, das sie geschaffen haben: neue Stärke in Asien, überraschende Schwäche in den USA.

Sollte der Verfall des Dollars weitergehen, könnten auch europäische Finanzhäuser verstärkt in den Fokus der Fonds rücken. Bleibt zu hoffen, dass die Finanzkrise hier nach der UBS nicht mehr für allzu viele Einstiegschancen zu Schnäppchenpreisen sorgt.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland

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