Banken
Kommentar: Rationale Märkte

Die Märkten zeigen, wohin die Reise bei den Banken geht: noch weiter abwärts.
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Kardinal Richelieu ließ im Dreißigjährigen Krieg auf seine Geschützrohre die lateinischen Worte „Ultima ratio regum“ gießen: In seinen Kanonen sah der katholische Kriegsherr das „letzte Mittel der Könige“. Seitdem reden wir von „Ultima Ratio“, wenn wir den letzten Ausweg in einem Konflikt oder in einer Krise meinen. In der jetzigen Finanzkrise sind die Abschreibungen so etwas wie die Ultima Ratio der Banken: Die Kreditinstitute ringen sich erst dann dazu durch, die Vermögenswerte in ihren Bilanzen zu korrigieren, wenn gar nichts anderes mehr geht. Genau dieses Verhalten schürt aber das Misstrauen der großen und kleinen Kapitalanleger in der Welt. Sie gehen davon aus, dass scheibchenweise noch mehr Probleme ans Tageslicht kommen. Deshalb ist die Marktkapitalisierung der meisten wichtigen Großbanken in den USA und Europa unter ihren Buchwert gesunken.

Es ist zur politischen und publizistischen Mode in Deutschland geworden, über die angebliche Irrationalität der Märkte zu lamentieren. Aber in Wahrheit verhalten sie sich sehr rational: Sie nehmen weitere massive Abschreibungen auf alle Vermögenswerte vorweg, die direkt oder indirekt durch die Finanzkrise betroffen sind. Die heutigen Ankündigungen der UBS und der Deutschen Bank, die beide unter ihrem Buchwert notieren, bestätigen die Erwartungen der Märkte. Deshalb bewegten sich die beiden Aktien an den Börsen heute sogar nach oben. Irrational kann das nur finden, wer sich nicht wirklich mit Märkten beschäftigt.

Denn die kurzfristigen Marktreaktionen an den Börsen kann niemand vorhersagen. Die Tagesausschläge einzelner Aktien sind nichts anderes als das Ergebnis einer höchst komplexen Gleichung, in die Tausende von stetig wechselnden Faktoren einfließen, die schließlich Angebot und Nachfrage bestimmen. Mittel- und langfristig aber haben sich die Erwartungen der Märkte immer wieder als richtig erwiesen. Nach der berühmten Theorie des amerikanischen Nobelpreisträgers Robert E. Lucus setzen rationale Erwartungen aber vollkommene Information voraus. Daran hapert es in der jetzigen Finanzkrise gewaltig: Viele Bilanzkennziffern sagen nur noch wenig aus. Was bedeutet beispielsweise eine weitere Abschreibung von 2,5 Milliarden Euro bei der Deutschen Bank, wenn sie in ihren Büchern 88 Milliarden Euro an Wertpapieren hält, für die derzeit keine Marktpreise möglich sind?

Trotz dieser Unsicherheit dürften die Märkte richtig liegen, wenn sie auch in den nächsten Quartalen weitere hohe Abschreibungen erwarten. Das gilt aller Wahrscheinlichkeit nach auch für die Deutsche Bank. Josef Ackermann war zu voreilig, als er im letzten Jahr bereits Entwarnung für sein Haus gab. Die jetzige Finanzkrise arbeitet sich Schritt für Schritt durch immer neue Wertpapierarten. Schon jetzt erwarten Finanzexperten, dass die Krise acht Quartale lang dauern wird. Erst drei Quartale, je nachdem, wie man rechnet, sind verbucht in den Bankbilanzen.

Für Abschreibungen auf Marktwerte gilt leider etwas Ähnliches wie für Richelieus Kanonen: Sie treffen bewegliche Ziele nur ungenau. Auch deshalb gilt: Wir befinden uns bei Bankaktien noch nicht in der Übertreibungsphase nach unten. There is more to come.

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