Bankenfusionen
Analyse: Im Visier

Die erste große Bankenfusion in Europa wird kommen – und zwar vermutlich recht bald. Die Finanzwirtschaft bereitet sich jetzt zumindest gedanklich auf grenzüberschreitende Übernahmen vor – auch und gerade in Deutschland.

Die erste große Bankenfusion in Europa wird kommen – und zwar vermutlich recht bald. Nachdem das Thema in den letzten Jahren wegen des Börseneinbruchs und der internen Umstrukturierungen vieler Großbanken eher auf Sparflamme gekocht worden ist, bereitet sich die Finanzwirtschaft jetzt zumindest gedanklich auf grenzüberschreitende Übernahmen vor – auch und gerade in Deutschland. Die Chefs deutscher Großbanken warnen öffentlich davor, ihre Häuser könnten von ausländischen Bankenriesen geschluckt werden. Umgekehrt bekräftigen ertragsstarke Bankenriesen aus dem Ausland auffallend oft ihr Interesse am deutschen Markt.

Die Aussicht auf internationale Bankenfusionen sollte niemanden überraschen. Anormal ist vielmehr, dass bisher so wenig passiert ist. In vielen anderen Wirtschaftszweigen sind internationale Übernahmen schon fast alltäglich – vor allem seit Bestehen des Europäischen Binnenmarktes. Dass sich die Finanzbranche bisher vornehmlich national orientiert hat, wird häufig mit unterschiedlichen Bankregulierungen oder „kulturellen“ Unterschieden in Europa erklärt. Überzeugend klingt das nicht. Schließlich gab es durchaus schon erfolgreiche kleinere internationale Bankenübernahmen. Am ehesten Sinn macht noch das Argument, dass sich die potenziellen Einsparungen in Grenzen halten, weil man die Filialnetze in zwei Ländern nicht zusammenlegen kann.

Tatsächlich versprechen Zusammenschlüsse innerhalb eines Landes wegen der Möglichkeit von Filialschließungen und einheitlicher IT-Lösungen größere Synergien. Genau deshalb entstanden in praktisch allen europäischen Ländern in den letzten Jahren durch Fusionen und Übernahmen äußerst schlagkräftige Bankriesen mit gewaltiger Marktmacht. Beispiele sind etwa BNP Paribas in Frankreich, die britische Royal Bank of Scotland oder Santander Central Hispano und Banco Bilbao Vizcaya in Spanien. Jetzt stoßen diese Riesen aber an die Grenzen des nationalen Wachstums: Weitere Megafusionen würden in vielen Ländern vermutlich am Widerstand der Kartellbehörden scheitern. Somit bleibt kaum eine andere Wahl, als im Ausland zu expandieren.

Ein Blick auf den Börsenwert der europäischen Bankenkolosse zeigt: Deutsche Institute dürften sich aller Voraussicht nach in der Rolle des „Übernahmeopfers“ finden. Sie haben die Konsolidierung verschlafen, wie die gescheiterten Fusionsversuche von Dresdner und Deutscher beziehungsweise Dresdner und Commerzbank zeigten. Heute könnte mehr als eine europäische Großbank – von US-Giganten wie Citigroup ganz zu schweigen – die Commerzbank oder die Hypo-Vereinsbank (HVB) mit einem oder zwei Jahresgewinnen kaufen. „Peanuts“ nennt man das im Branchenjargon. Die Deutsche Bank ist zwar deutlich teurer, aber für die ganz Großen der Branche beileibe nicht unbezahlbar.

Während die meisten deutschen Großbanken noch mitten in ihren Sanierungsarbeiten stecken und das Auslandsgeschäft zurückfahren, expandieren die großen Europäer jenseits der Grenzen. Bisher beschränken sie sich dabei in Europa meist auf ausgewählte Geschäftsfelder. BNP Paribas setzt unter anderem auf Verbraucherkredite und Direkt-Brokerage, ING favorisiert das Onlinegeschäft, Santander Central Hispano bevorzugt die Verbraucherfinanzierung. Alle drei sind längst in Deutschland: BNP mit Consors, ING mit der Direktbank Diba und Santander mit der CC Bank.

Nur beim klassischen Filialgeschäft haben viele Ausländer bisher abgewinkt. Doch auch das ändert sich: Credit Suisse bekundet jetzt offen Interesse am Retailmarkt. Warum auch nicht? Der Zeitpunkt, sich in der größten Volkswirtschaft des Kontinents einzukaufen, ist günstig. Mit den Rosskuren der letzten Jahre haben die deutschen Banken potenziellen Aufkäufern einen Großteil der Sanierungsarbeit abgenommen. Wer jetzt zu Niedrigpreisen deutsche Banken kauft, kann die Früchte der Schlankheitskuren einfahren, die alleine bei den Großbanken weit über 40 000 Mitarbeiter ihren Job gekostet haben. Zudem könnten der Wegfall der Staatsgarantien für die Landesbanken und die Finanznot der Kommunen zum Aufbrechen des Sparkassenlagers führen.

Als Schutzschild gegen unerwünschte Übernahmen aus dem Ausland könnte ein erneuter Anlauf in Richtung einer heimischen Bankenkonzentration wirken. In Frage kämen vor allem Commerzbank und HVB, denen viele Experten einen solchen Schritt im nächsten Jahr zutrauen – wenn die Zeit ausreicht. Die altbekannte Weisheit, wonach feindliche Übernahmen im Bankgeschäft unmöglich sind, gilt jedenfalls nicht mehr uneingeschränkt, wie der keineswegs erwünschte Erwerb der britischen NatWest durch die Royal Bank of Scotland bewies. Irgendwann ist immer das erste Mal – auch in Europa. Der Börsenwert von Europas Bankriesen zeigt: Deutsche Institute wären meist in der Rolle des „Übernahmeopfers“.

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