Bankenfusionen
Barfuß im Regen

Das schlagzeilenträchtige Ultimatum von Bundeskanzler Gerhard Schröder an die deutsche Kreditwirtschaft läuft heute ergebnislos ab. Der viel kritisierte ordnungspolitische Sündenfall Schröders hat sich als bloße wirtschaftspolitische Seifenblase entpuppt.

„Möglichst noch im ersten Halbjahr“, so hatte es der Kanzler Anfang Mai auf dem Sparkassentag übermütig gefordert, solle die Finanzbranche „in die Strümpfe kommen“. Schröder mahnte rasche Fusionen unter den Privatbanken und den Aufbau eines „global ernst zu nehmenden Instituts“ an, „das aus Deutschland heraus tätig wird“. Die öffentlich-rechtlichen Landesbanken ermunterte er im gleichen Atemzug, sich von derzeit elf auf drei Einheiten zu reduzieren.

Viel ist seitdem wieder über das Fusionsthema fabuliert worden, aber so gut wie nichts ist passiert. Die drei großen deutschen Privatbanken – Deutsche Bank, Commerzbank und Hypo-Vereinsbank (HVB) – belauern sich nach wie vor und pflegen untereinander die Kunst des Schweigens. Das behaupten sie jedenfalls.

Die Commerzbank leuchtet zwar gerade die Vor- und Nachteile des Ausschlachtens der BHF-Bank aus, aber dies gilt ohnehin nicht als der große Wurf im Sinne des Kanzlers. Kaum mehr passiert zurzeit bei den Landesbanken, die auf Druck der Ratingagentur Standard & Poor’s vollauf damit beschäftigt sind, die lange Zeit vernachlässigten Verbindungen zu den Sparkassen als ihren Eigentümern zu festigen, um ein besseres Rating zu bekommen. Ausnahme: Zwischen Stuttgart und Mainz nimmt die Einbindung der Landesbank Pfalz in die baden-württembergische LBBW langsam, aber sicher Gestalt an.

Sieht man einmal davon ab, dass viele Volks- und Genossenschaftsbanken sowie Sparkassen auf regionaler Ebene weiterhin kräftig zusammenrücken und damit reale Konsolidierungsarbeit leisten, fällt die Bilanz des Kanzler-Appells also mehr als bescheiden aus. Zumal etwas Entscheidendes hätte passieren können: Auf Anregung des Kanzlers hat die Deutsche Bank ernsthaft die Übernahme der Postbank geprüft. Zur Unzeit zwar, denn gleichzeitig lief die Vorbereitung des Börsengangs der Postbank, an dem die Deutsche Bank beteiligt war. Aber nach einigen aufregenden Tagen entschied sich die Deutsche gegen den Kauf, und zwar angeblich wegen des zu hohen Preises und des auf den ersten Blick unbefriedigenden Durchgriffs auf das Filialgeschäft, das ja eng mit der Post AG verzahnt ist. Eine gute Konsolidierungschance wurde damit auf nicht absehbare Zeit blockiert. Und ausgerechnet der Bundeskanzler hätte dies durch sensibleres Vorgehen verhindern können.

Obwohl die Kanzlerfrist nun verstreicht und obwohl sich die Branche vielleicht ein bisschen viel Zeit lässt, kann man eines festhalten: Über kurz oder lang wird es doch noch zu Fusionen deutscher Kreditinstitute kommen – sowohl bei den Privatbanken als auch bei den Landesbanken. Der Wettbewerbsdruck ist einfach zu groß. Übrigens auch bei den Genossen: Der Zusammenschluss der beiden verbliebenen Spitzeninstitute DZ Bank in Frankfurt und WGZ Bank in Düsseldorf gilt nur noch als Frage der Zeit.

Seite 1:

Barfuß im Regen

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%