Bankenfusionen
Nicht nachahmen

Ein halbes Jahr kann eine lange Zeit sein. Sechs Monate zog sich der bislang größte Übernahmekampf der Finanzgeschichte hin. Aber zwischen dem Beginn der Schlacht um die niederländische Traditionsbank ABN Amro im April und dem offiziellen Sieg der Royal Bank of Scotland (RBS) gegen den englischen Mitbieter Barclays am letzten Freitag scheinen gefühlte hundert Jahre zu liegen.
  • 0

Damals, in einem anderen Zeitalter, war die Welt an den Finanzmärkten noch in Ordnung. Rund um den Globus boomte das Geldgeschäft, die großen Banken erfreuten ihre Aktionäre in schöner Regelmäßigkeit mit Rekordergebnissen. Zu Recht prognostizierten die Experten, dass der tollkühne Angriff der Bietergruppe rund um die RBS auf die niederländischen Kollegen von ABN der lange erwartete Startschuss zur Konsolidierung im europäischen Bankwesen sein würde. Schnell waren lange Listen aufgestellt, wer mit wem wann und wie fusionieren könnte, würde, sollte. Doch das war, wie gesagt, in einer anderen Ära. Heute kämpfen die Bankmanager gegen die Spätfolgen der großen Kreditkrise an den Kapitalmärkten. In Deutschland und Großbritannien mussten Aufsichtsbehörden und Zentralbanken große Geldhäuser wie die SachsenLB oder den Baufinanzierer Northern Rock vor der Pleite retten. Prominente Adressen wie die Deutsche Bank, UBS oder Credit Suisse müssen Milliarden auf gewagte Geschäfte abschreiben. Und in den Investmentbanken geht nach Jahren ungezügelten Booms heute die Angst vor Massenentlassungen um.

Man muss angesichts der unruhigen Zeiten, die im Finanzwesen angebrochen sind, kein Prophet sein, um voraussagen zu können, dass sich so schnell wohl kein Bankmanager den mutigen RBS-Chef Fred Goodwin zum Vorbild nehmen wird. Es ist noch keinen Monat her, da waren die Institute sich selbst gegenüber so misstrauisch, dass sie sich untereinander kaum noch Geld leihen wollten. Und dann gleich eine ganze Bank kaufen und dafür viele Milliarden riskieren? Wohl eher nicht. Zumindest die nächsten Monate werden die Geldhäuser mit den Aufräumarbeiten der Kreditkrise vollauf ausgelastet sein. Die Abenteuerlust in Sachen Großfusionen wird sich also in sehr engen Grenzen halten. Aber auch ohne die Verwerfungen an den Kapitalmärkten geht die Gleichung „big ist beautiful“ im Bankwesen nicht unbedingt auf. Die Apologeten von Großfusionen argumentieren, dass die Branche in Zukunft von wenigen großen Anbietern mit einer Marktkapitalisierung von mehr als 100 Milliarden Dollar beherrscht werde. In dieser Liga müsse man mitspielen, um weltweit im Konzert der Finanzriesen nicht unterzugehen.

Teilt man diese These, dann führt tatsächlich kaum ein Weg an internationalen Zusammenschlüssen vorbei, denn in Märkten wie Frankreich, Großbritannien, Deutschland oder Spanien würden nationale Zukäufe in der Bankenbranche wegen Wettbewerbsbedenken auf Probleme stoßen. Diese Logik existiert allerdings nicht erst seit dem Vorstoß von RBS und Barclays in Richtung ABN Amro. Dennoch kam die Konsolidierung in Europa bislang nur schleppend in Gang. Es blieb bei einigen wenigen wirklich großen Deals. Die italienische Unicredit schluckte die Hypo-Vereinsbank, und die spanische Santander kaufte die britische Abbey National. Für die Zurückhaltung der Banken gibt es einen guten Grund: Viele Anleger misstrauen Megafusionen, und das nicht erst seit dem Ausbruch der Kreditkrise. Die Anleger fürchten zu Recht, dass zu große Institute ineffizient werden und vom Management kaum noch zu beherrschen sind. Vor allem deshalb wurden die weltgrößten Banken in den vergangenen Jahren an den Börsen mit einem Bewertungsabschlag gegenüber kleineren Instituten gehandelt. Bestes Beispiel für diese These bietet der US-Bankenriese Citigroup, der seit vielen Monaten von einer wahren Flut von Problemen gebeutelt wird. Nach milliardenschweren Abschreibungen als Folge der Kreditkrise muss Citigroup-Chef Chuck Prince gerade erneut um seinenJob kämpfen.

Ob es RBS-Boss Goodwin schon bald genauso geht? Der zähe Schotte nimmt für die ABN-Übernahme in sehr schwierigen Zeiten sehr viel Geld in die Hand. Die Gefahr, dass ihm der Zukauf am Ende nicht nur im monetären Sinn teuer zu stehen kommt, ist durchaus real. Die Investoren haben jedenfalls über den größten Bankenzusammenschluss der Geschichte bereits an der Börse abgestimmt. Die Aktien des schottischen Geldhauses haben seit Beginn des Übernahmekampfs um ABN etwa zwanzig Prozent an Wert verloren. Das ist fast doppelt so viel wie die vergleichbare europäische Konkurrenz.

Kommentare zu " Bankenfusionen: Nicht nachahmen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%