Barclays
Analyse: Kaninchen aus dem Hut

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Kaum glaubt man, dass der größte Übernahmekampf der Finanzgeschichte entschieden ist, da zaubert John Varley, Chef des englischen Geldhauses Barclays, ein Kaninchen aus dem Hut. Alles sprach dafür, dass Barclays in der Schlacht um die niederländische Traditionsbank ABN Amro auf verlorenem Posten stand, zu groß war der Abstand zum konkurrierenden Angebot der Bietergruppe rund um die Royal Bank of Scotland. Doch Varley hat alle überrascht. Hinter den Kulissen schmiedete er eine Allianz mit China und dem Stadtstaat Singapur. 3,6 Mrd. Pfund wollen die beiden auf jeden Fall in Barclays investieren, klappt es mit der Übernahme von ABN doch noch, könnten noch einmal 10 Mrd. Pfund dazu kommen. Das gibt Varley den Spielraum, seine Offerte für ABN auf 67,5 Mrd. Euro zu erhöhen und knapp 25 Mrd. Euro davon in bar zu bezahlen.

Der überraschender Schachzug hat mindestens vier interessante Aspekte:

Zunächst bleibt fest zu halten, dass auch die neue Offerte noch nicht der Durchbruch im Übernahmekampf ist, dazu ist der Abstand zum Konsortium rund um die RBS, das 71 Mrd. Euro fast ausschließlich in bar auf den Tisch legen will, einfach zu groß. Aber Barclays ist wieder im Rennen – und wichtiger noch, die Aktionäre scheinen dieses Mal, dank des China-Coups, mitzuziehen. Bislang war Barclays in der etwas absurden Situation, dass jedes Mal, wenn die Chancen im Übernahmekampf stiegen, der Aktienkurs fiel, und damit wurde das Angebot der Engländer automatisch weniger wert. Die Kursreaktion zeigt eindeutig, dass die Barclays-Aktionäre dem Deal bislang nicht allzu viel Wohlwollen entgegenbrachten. Doch am Montag legte die Aktie im frühen Handel um über 2 Prozent zu. Ein gutes Signal für Varley.

Das kann der Vorstandschef auch gebrauchen, denn mit dem neuen Schachzug verbindet er auch sein persönliches Schicksal mit der ABN-Übernahme. Hätte sich die englische Bank am vergangenen Sonntag aus dem teuren Bieterkampf um ABN verabschiedet, hätte Varley wohl kaum jemand einen Vorwurf gemacht. Das hat sich nach der neuen Initiative geändert. Wer so viel Energie und Geld in ein Projekt steckt, der muss bei einem Scheitern auch mit Konsequenzen rechnen.

Aber das Risiko lohnt sich für Varley, denn mit zwei so potenten Langfristinvestoren wie China und Singapur sichert er seine Bank zumindest teilsweise dagegen ab, selbst zum Übernahmeopfer zu werden, falls der ABN-Deal platzt. In der Finanzszene ist immer wieder von Hedge-Fonds die Rede, die eine Auktion für Barclays in Gang bringen wollen, ähnlich wie es ihnen bei ABN gelungen ist. Mit zwei neuen stabilen Großanlegern ist dieses Risiko eindeutig gesunken.

Schließlich zeigt Varleys Überrraschungscoup die ungeheure finanzielle Kraft Chinas. Die Asiaten haben 1,3 Bill. Dollar an Devisenreserven zusammengespart und jede Minute kommt eine Mill. dazu. Der Löwenanteil dieses Vermögens ist bislang in amerikanischen Staatsanleihen angelegt. Aber China sucht nach neuen Investmentideen. Mit 3 Mrd. Dollar haben sich die Asiaten bereits an der Private-Equity-Gesellschaft Blackstone beteiligt. Ähnliche Deals werden nicht lange auf sich warten lassen. Experten erwarten, dass China bis zu 200 Mrd. Dollar in die Aktienbörsen der Industrieländer und in Übernahmen und Beteiligungen an westlichen Unternehmen stecken wird. Das mag vielen Politikern Sorgen bereiten, für Barclays-Chef John Varley könnte es die Rettung sein.

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