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Gen-Hysterie

Der jüngste „Genreis-Skandal“ hat für viele Schlagzeilen gesorgt und nicht nur die Verbraucher aufgeschreckt. Doch auch dieser jüngste „Skandal“ basiert wie so oft letztlich auf einer völlig überzogenen und einseitigen Gefahreneinschätzung, es offenbart sich eine geradezu absurde Asymmetrie in der Risikowahrnehmung. Eine Analyse.

Haben Sie heute morgen gut gefrühstückt? Wahrscheinlich ist Ihnen gar nicht bewusst, in welche Gefahr sie sich begeben haben. Alleine die Tasse Kaffee, mit der Sie ihren Kreislauf in Schwung brachten, enthielt vermutlich einige Zehntausend Inhaltsstoffe, die bisher niemand genau analysiert, geschweige denn auf gesundheitliche Gefahren hin untersucht hat. Mit dem Müsli haben sie gut und gerne einige Hundertausend unterschiedliche Gene geschluckt, deren Funktion niemand kennt, die nie ein Zulassungsverfahren durchlaufen haben und von keiner Behörde auf der Welt je genehmigt wurden.

Das Genom des Weizens, aus dem ihr Frühstücksbrötchen hergestellt wurde, enthält etwa 16 Milliarden DNA-Bausteine, mehr als fünfmal so viele wie das Erbgut des Menschen. Der Gedanke, dass es sich dabei um ein Naturprodukt handelt, das den Menschen ja schon seit Jahrtausenden satt macht, ist schiere Illusion. Die Nutzpflanzen von heute sind fast durchweg Ergebnis jahrhundertelanger Züchtung, unzähliger Kreuzungen und Auswahlverfahren. Gut möglich, dass sich auf unserem Frühstücksteller auch einige Tausend Substanzen finden, die in den 70er Jahre durch Mutations-züchtung in Weizen, Mais oder andere Getreidesorten gelangten. Durch Behandlung mit krebserregenden Substanzen oder Bestrahlung versuchte man damals die Mutationsraten zu erhöhen – eine Art Schrotschuss-Technik, um noch leistungsfähigere Pflanzensorten zu erzeugen. Kein Mensch weiß, welche und wie viele Gene bei diesen klassischen Züchtungsverfahren verändert wurden, an neue Orte im Genom oder in andere Pflanzenarten gelangten. Und, wenn überhaupt, wurde vermutlich nur ein winziger Bruchteil dieser Veränderungen je daraufhin untersucht, ob sie gesundheitliche Gefahren bergen.

Gemessen an den Möglichkeiten, die Wissenschaft und Analytik heute bieten, sind die meisten Lebensmittel völlig unerforscht. Im Grunde wissen wir gar nicht genau, was wir essen. Vergleichsweise sicher können wir dagegen sein, dass ausgerechnet die wenigen Pflanzengene, die relativ intensiv untersucht sind und besonders strengen Genehmigungsverfahren unterliegen – Modifikationen, die mit Hilfe gentechnischer Methoden in die Pflanzen gelangen – hierzulande nicht auf den Tisch kommen. Während die Ergebnisse und mögliche Gefahren der klassischen Züchtung im Grunde niemanden interessieren, werden gentechnische Veränderungen intensiver geprüft als manches Arzneimittel und dennoch von weiten Teilen der Öffentlichkeit behandelt, als drohe eine großflächige Verseuchung mit Zyankali.

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