Bayerische Löwen in der Kabinettsdisziplin
Große Koalition wird Stoiber zähmen

CSU-Chef Edmund Stoiber will es nun doch seinem Ziehvater Franz Josef Strauß gleichtun. Er hält sich für ein Ministeramt in einer großen Koalition bereit, wenn diese "stabil" ist und "sich auf ein vernünftiges Programm verständigt". Das sagte der bayerische Ministerpräsident der "Bild"-Zeitung.

DÜSSELDORF. Wie seinerzeit die Einbindung des CSU-Vorsitzenden Strauß wäre die Verpflichtung Stoibers auf die Kabinettsdisziplin eine Voraussetzung für den Erfolg eines schwarz-roten Regierungsbündnisses.

Edmund Stoiber hat sich besser im Griff als Franz-Josef Strauß, dessen vagabundierende Energie für unvorhersehbare Ausbrüche sorgte. Aber die Versuchung, die bayerische Karte zu spielen, ist auch für ihn groß. Angela Merkel hat unter Stoibers "friendly fire", seiner Bemerkung über die frustrierten Ostdeutschen, gelitten. Ein CSU-Chef mit Ministerverantwortlichkeit in Berlin könnte nicht zugleich "Oppositionsführer" in der großen Koalition sein. Auch bayerische Querschüsse im Bundesrat wären dann kaum zu erwarten. Ein Blick zurück zeigt, wie wichtig die Zähmung der bayerischen Löwen durch Kabinettsverantwortlichkeit ist.

Als sich Ludwig Erhard im Januar 1967 an die Vorgeschichte seines Abgangs aus dem Kanzleramt erinnert und über Machtgier und Missgunst in der Union klagt, hat er auch Franz-Josef Strauß im Visier. Strauß hat wie Adenauer das Bild des unentschlossenen, ewig zögernden "Gummi-Erhards" in der Öffentlichkeit gezeichnet und seinen Sturz betrieben. Am 12. September 1966 beschreibt Strauß in der CDU/CSU-Fraktion den Stimmungseinbruch in der Bevölkerung mit fünf Us: Ungewissheit, Unsicherheit, Unbehagen, Unruhe und potenzielle Unzufriedenheit. Strauß arbeitet auf eine große Koalition hin. Am 10. November nominiert die Union in einer fraktionsinternen Abstimmung Kurt Georg Kiesinger als neuen Kanzlerkandidaten. Zu denen, die sich für Kiesinger stark machen, gehört Strauß.

Die CSU geht aus den bayerischen Landtagswahlen am 20. November gestärkt hervor. Der große Verlierer ist die FDP. In den beiden Volksparteien wächst die Bereitschaft, sich auf das Experiment einer großen Koalition einzulassen. Sie bietet den meisten Unions- und SPD-Politikern am ehesten Aussicht, die beim Konflikt über den Bundeshaushalt 1967 offenkundig gewordenen wirtschafts- und finanzpolitischen Schwierigkeiten zu überwinden. Herbert Wehner, der Regisseur im Hintergrund, zieht die Fäden, er will der SPD den Weg zur Macht ebnen.

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