Becks verbaler Ausfall
Starke Worte, schwaches Ego

Wer so richtig auf den Tisch haut und ein „Machtwort“ spricht, hat es meist bitter nötig. Auch Kurt Beck ist da keine Ausnahme: Der SPD-Chef versucht mit seinem hilflos wirkenden Starkdeutsch gegen Autoritätsschwäche anzukämpfen. Die allerdings hat er nach Ansicht von Thomas Hanke nicht imaginären innerparteilichen Feinden zu verdanken, sondern sich selbst. Ein Kommentar.
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Fast schon typisch für Beck ist, dass man wieder einmal nicht versteht, warum er ausgerechnet jetzt lospoltert und wer genau sich angesprochen fühlen soll. Ärgert ihn das Plädoyer seiner künftigen Stellvertreter Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück sowie seines Vorgängers Matthias Platzeck für eine reformorientierte Sozialdemokratie, das am Montag mit großem Berliner Brimborium – allerdings ohne den Vorsitzenden – vorgestellt wurde? Reizen ihn die in der Partei als sehr realitätsnah geltenden Überlegungen, er könne zugunsten Steinmeiers auf die Kanzlerkandidatur verzichten? Oder empört er sich über die zunehmend dreist auftretende SPD-Linke?

Wahrscheinlich ist es von alldem ein wenig. Hauptsächlich aber wird es die unterschwellige Wut über die eigene Hilflosigkeit sein, über die mangelnde Wertschätzung, die er genießt, und das anhaltende Fremdeln mit dem Berliner Parkett. Beck wird zwar als dickfelliger Bär karikiert, ist aber ein extrem empfindlicher und ehrpusseliger Mensch, an dem mangelnder Respekt durchaus nicht einfach abperlt.

Doch seine bislang eher mediokre Performance sollte der Vorsitzende weder den missgünstigen Medien noch angeblichen Heckenschützen in der Partei zuschreiben, sondern vor allem sich selbst. Sein Ansehen ist so überschaubar, weil er der Partei keine klare Orientierung gibt. Er lässt Stichworte fallen, die mal in diese, mal in jene Richtung fliegen und schon mehrfach jenseits der eigenen Regierungspolitik landeten. Hätte er eine klare Peilung, müsste er sich um seine Sachautorität keine Sorge machen.

So aber erinnert er mit seinem Imponiergehabe und der Kritik am scharfzüngigen Finanzminister Steinbrück an einen anderen Pfälzer, den früheren SPD-Chef Rudolf Scharping. Der entließ seinen wirtschaftspolitischen Sprecher, einen gewissen Gerd Schröder, weil der eine moderne Wirtschaftspolitik forderte. Geholfen hat Scharping diese markige Geste bekanntlich nicht viel.

Beck ist kein Versöhner, an ihm zerren nur alle möglichen Parteiflügel herum und lassen verlauten, er sympathisiere mit ihnen. Zunehmend keck tun dies in jüngster Zeit die Linken: Wegen seiner Abneigung gegen Privatisierung und Vorliebe für einen starken Staat sei er einer von ihnen, behaupten sie. Ganz so klar ist das – zumindest noch – nicht. Doch sollte man sich keinen Illusionen darüber hingeben, wie weit die SPD unter Beck schon abgedriftet ist, um angeblich die Flügel zu versöhnen: Bis vor kurzem wollte die SPD-Spitze noch einvernehmlich eine Politik fortführen, die auf Eigenverantwortung und Markt setzt – die Chiffre dafür ist die Agenda 2010.

Mittlerweile erscheint dies dank Becks wolligem Gehabe nur noch als eine Position von mehreren möglichen, wie das Steckenpferd eines rechten Flügels. Zur Ordnung rufen müsste der Vorsitzende deshalb zuerst sich selbst.

Der Autor per E-Mail: hanke@handelsblatt.com

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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