Befreiung Ingrid Betancourts in Kolumbien
Uribes geschickter Schachzug

„Operation schachmatt“ hatte die Regierung in Bogotá den Geheimplan zur Befreiung Ingrid Betancourts getauft. Ein treffender Titel auch für die mittelbaren Folgen des Coups. Denn er verschiebt in Kolumbien und Südamerika die Machtverhältnisse kräftig.

Sieger und Verlierer dieses Schachspiels stehen bereits fest. Gewinner sind Kolumbiens Präsident Álvaro Uribe und die US-Regierung in Washington, als Verlierer gehen sein Gegenspieler Hugo Chávez und die Linksrebellen der Farc vom Tisch. Deren Ende scheint nach dem Verlust der bedeutendsten Geisel und angesichts schwerer Verluste in den vergangenen Monaten nun nahe. Venezuelas Präsident hatte sich als großer Freund und Förderer der ältesten und größten Rebellengruppe Lateinamerikas bekannt und sich damit gebrüstet, dass er den Schlüssel habe, Betancourt aus ihren Dschungelgefängnissen zu befreien. Uribe hat Chávez nun gezeigt, dass das nicht so war.

Der Coup scheint allerdings ein bisschen zu perfekt inszeniert, als dass nicht ein komischer Beigeschmack bliebe. Zu wohlgenährt sah Ingrid Betancourt aus, zu abgeklärt wirkten alle befreiten Geiseln, zu auffällig die Nähe zum Besuch des republikanischen Präsidentschaftsbewerbers John McCain am Vorabend in Bogotá. Es bleiben einige Fragen unbeantwortet. Aber die geglückte Befreiung ist auch so für Uribe sein größter Triumph in knapp sechs Jahren Amtszeit. Ein Triumph, der ihn der so ersehnten dritten Amtsperiode näher bringt.

Das beste Argument lieferte ihm ausgerechnet Betancourt höchstselbst, die früher eine seiner schärfsten Kritikerinnen war. Uribe sei ein "sehr guter Präsident", sagte sie nach ihrer Befreiung. Er habe den Farc keine Verschnaufpause gegönnt und den Druck auf die Rebellen durch seine Wiederwahl 2006 aufrechterhalten können. Früher, als eine Wiederwahl von der Verfassung verboten war, hätte die Farc immer darauf vertrauen können, dass einer Regierung der harten Hand eine der ausgestreckten Hand folgen werde. Diese Dynamik wurde mit der von Uribe betriebenen Verfassungsänderung von 2004 durchbrochen, die seine Wiederwahl erst möglich machte.

Tatsächlich hat Uribe seit seinem Amtsantritt im August 2002 die Farc-Rebellen mit eiserner Härte bekämpft. Während er den ultrarechten Todesschwadronen Verhandlungen anbot, ließ er die Rebellen von Anfang an von der mit US-Hilfe hochgerüsteten kolumbianischen Armee verfolgen und in die Enge treiben. Aber noch immer verfügt die Farc trotz hoher Verluste nach Schätzungen über rund 11 000 Männer, Frauen und Kinder unter Waffen. Mehrere Hundert Geiseln haben sie noch in ihrer Gewalt. Und dann ist da noch die ELN, die kleinere Links-Rebellengruppe, die sich trotz langjähriger Verhandlungen mit dem kolumbianischen Staat auch noch im Kriegszustand befindet.

So ist absehbar, dass Uribe mit dem Argument, sein Job, den Rebellen den Garaus zu machen, sei noch nicht erfüllt, eine weitere Verfassungsänderung anstreben wird, um seine erneute Wiederwahl 2010 zu ermöglichen. Und er wird nach dem Coup vom Mittwoch so viel Rückenwind in der Bevölkerung spüren, dass das Parlament ihm diesen Wunsch kaum verweigern kann.

In Washington wird man den Erfolg Uribes mit großer Erleichterung und Genugtuung sehen. Der neben Mexikos Staatschef Felipe Calderón wichtigste und inzwischen einzige Protegé der USA in der Region, dem immer wieder seine angebliche Nähe zu den ultrarechten Paramilitärs vorgehalten wird, sitzt jetzt fester im Sattel denn je. Und der US-Regierung fällt es intern leichter, die 700 Millionen Dollar zu rechtfertigen, die sie jedes Jahr nach Kolumbien pumpt, um Drogenanbau und bewaffnete Gruppen zu bekämpfen.

Uribes Kolumbien ist für Washington in Südamerika von entscheidender strategischer Bedeutung. Eingeklemmt zwischen linksnationalistischen und USA-feindlichen Regierungen in Venezuela und Ecuador und einem linksliberalen großen Nachbarn wie Brasilien, bleibt Kolumbien der einzige Staat in der Region, der den USA auf Schritt und Tritt folgt und über den die US-Regierung ihre Politik in der Region zu Gehör bringen kann.

Abzuwarten bleibt, ob sich Uribes bisweilen isolierte Stellung in Südamerika nach der Rettung Betancourts aus der Geiselhaft ändert. Eben wegen seiner Nähe zu den USA und seiner explizit konservativen Positionen und zweifelhaften Vergangenheit sind selbst gemäßigt linke Regierungen wie die Chiles oder Uruguays keine großen Freunde Uribes. Das könnte sich nach der gewaltlosen Befreiung Betancourts ändern.

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