Benedikt XVI
Hüter des Schatzes

Zwei Mal ist in dieser Woche Papst-Tag: heute der 80. Geburtstag, am Donnerstag ist Benedikt XVI. zwei Jahre im Amt. Jubelfeiern hat er keine angeordnet, dafür hat er sein Buch über Jesus fertig geschrieben und es auf den Punkt genau allen Menschen guten Willens vorgelegt. Nichts könnte mehr über den deutschen Papst und sein Amtsverständnis aussagen. Eine Analyse.

Abgesehen davon, dass es in römischen Kirchenkreisen stets ein offenes Geheimnis war, dass der Kardinal und Glaubenshüter Joseph Ratzinger seinen Namenstag weitaus mehr als seinen Geburtstag schätzte, hat er diesen jetzt genutzt, um nicht sich selbst feiern zu lassen, sondern um der Welt etwas zu schenken. Benedikt will in diesem Buch nichts weniger als die zentrale Gestalt des Christentums, eben Jesus, wieder freilegen: Immer „undeutlicher“ sei dieser geworden, immer mehr habe er an Kontur verloren. Aus Sorge darüber hat mit Benedikt erstmals in der 2000 Jahre alten Geschichte der Kirche ein amtierender Pontifex ein persönliches Buch über Jesus geschrieben.

Dazu gehören Mut und eine intellektuelle Größe, zu der in der langen Reihe seiner Vorgänger wohl nur wenige in der Lage gewesen wären. Benedikt erweist sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts als ein wirklicher Nachfolger des Petrus. Auf diesen „Fels“ sollte die Kirche fest gegründet werden. Auf das Wesentliche in all den flüchtigen Sandstürmen der Zeit will auch der heutige Papst die eigene Kirche wieder einschwören. Dieser unbedingte Wille, am Wahren und am Kern der Religion festzuhalten, ist Größe und möglicherweise auch Beschränkung des gegenwärtigen Pontifikats. Offenheit, Liberalität und Toleranz sind nicht die natürlichen Verbündeten des mächtigen Hüters eines großen Schatzes. Schon bald nach der Festwoche wird eine Entscheidung des Papstes erwartet, der alle reformorientierten Kräfte in der Kirche mit Schrecken entgegensehen: Es wird damit gerechnet, dass Benedikt die traditionelle lateinische Messe wieder zulässt.

Dies ist keine Petitesse oder Liebhaberei des im Lateinischen so perfekten Amtsinhabers. Die Abschaffung der lateinischen Messe mit dem Priester, der den Gläubigen im Gottesdienst den Rücken zuwendet, ist die zentrale Leistung des 1965 beendeten II. Vatikanischen Konzils. Was droht, ist nun nichts weniger als eine Gegen-Modernisierung der Kirche. Teilweise, so wird man sagen müssen, ist diese schon im Gange. In Deutschland wird dies stärker gespürt als anderswo, weil hier auch die Fortschritte größer waren. Die Annäherung zwischen Protestanten und Katholiken, eine Folge der großen Ökumene-Vorhaben des II. Vatikanums, ist in den letzten Jahren deutlich erkaltet. In der Schwangerenkonfliktberatung haben deutsche Bischöfe einen aussichtslosen Kampf gegen die römische Kurie geführt, besser: gegen den Präfekten der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger. Und auch im gegenwärtigen Streit um die richtige Familienpolitik manifestieren sich tiefe Risse im deutschen Episkopat. Dabei geht es vordergründig um Krippenplätze, eigentlich aber um den Gegensatz zwischen Bewahrern und Reformern. Dabei braucht die Welt eine offene und zum Dialog bereite katholische Weltkirche dringender denn je. Doch hier sind Schwächen des bisherigen Pontifikats unübersehbar. Die Versuche der Annäherung an den Islam haben durch die Regensburger Rede des Papstes einen gravierenden Rückschlag erlitten. Das Misstrauen auf Seiten der Muslime ist erwacht.

Auch das Verhältnis zum Judentum ist seit dem Amtsantritt Benedikts Schwankungen unterworfen. Gerade hat die umstrittene Rolle der katholischen Kirche in der NS-Zeit zu neuem Ärger zwischen Vatikan und Israel geführt. Es ist kaum denkbar, dass der amtierende Papst wie sein Vorgänger Johannes Paul II. im Nahen Osten, also im vielleicht brisantesten Krisenherd auf unserem Globus, die Rolle eines Vermittlers ausüben könnte, Immer erkennbarer wird am Ende des zweiten Jahres des Pontifikats von Benedikt XVI., dass hier kein Homo politicus in die Schuhe des Fischers gestiegen ist. Die globale Institution Kirche wird sich wohl unter diesem Papst weitgehend in politischer Enthaltsamkeit üben. Ein bedeutender Apostelnachfolger wird Benedikt dennoch werden:als einer der größten Theologen auf dem Papstthron.

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