Berlusconi
Flucht nach vorne

Wenn Silvio Berlusconi irgendwo anklopft, schrillen gewöhnlich sofort die Alarmglocken. Doch bei dem möglichen Angebot seines Fernsehkanals Mediaset für den Sender ProSiebenSat1 ist die Frage nicht so sehr, ob wir im deutschen Fernsehen bald italienische Verhältnisse haben werden. Vielmehr stellt sich die Frage, ob Berlusconi überhaupt das Zeug dazu hat, im internationalen Wettbewerb zu bestehen.

Derzeit ist der italienische Medienzar zur Flucht ins Ausland geradezu gezwungen. Aber ob er damit Erfolg haben wird, darf man getrost bezweifeln. Denn Berlusconi ist ein brillanter Unternehmer immer nur dann, wenn er nach italienischen Spielregeln spielen kann. Er ist kein Unternehmer für das Zeitalter der Globalisierung. Anfang der 90er-Jahre, als die Staatsanwälte auf seinen Fersen waren, musste er in die Politik gehen, um seine Geschicke als Unternehmer zu retten. Als Premier gelang ihm das prächtig mit eigens auf ihn zugeschnittenen Gesetzen. Heute dagegen ist er zwar immer noch ein Politiker, aber er kann nicht mehr die Gesetze bestimmen, die auch die Geschicke seines Unternehmens beeinflussen. Im Gegenteil: Die aktuelle Regierung unter Romano Prodi regelt derzeit die Fernsehgesetze neu und wird damit vor allem Berlusconis Fernsehimperium Mediaset treffen. Der von Berlusconi mit wüsten Beschimpfungen begleitete Vorschlag sieht dabei vor, allen Sendern empfindliche Einschränkungen bei den Werbeeinnahmen aufzuerlegen. Außerdem sollen sowohl Mediaset als auch der Staatssender Rai jeweils einen ihrer drei terrestrischen Kanäle in das digitale terrestrische Fernsehnetz verlagern. So findet sich Berlusconi auf einmal in der ungewohnten Rolle eines normalen Unternehmers wieder, der mit den Gesetzen leben muss, ohne sie beeinflussen zu können. Ein Blick auf sein Portfolio zeigt ihm dabei, wie stark seine Finanzholding Fininvest vom Heimatmarkt abhängig ist. Das gilt besonders für den Fernsehsender Mediaset. Gerade einmal ein Viertel des Umsatzes kommt von der spanischen Tochter Telecinco. Der Rest wird in Italien erwirtschaftet. Die deutsche ProSiebenSat1 bietet also eine willkommene Möglichkeit, ins Ausland zu diversifizieren. Doch bisher sind Berlusconis Auslandserfahrungen bis auf seinen Erfolg mit Telecinco eher bescheiden. Der reichste Mann Italiens hat es stets vorgezogen, auf dem Heimatmarkt zu bleiben und in Branchen zu spielen, wo er direkt oder indirekt die Rahmenbedingungen diktieren kann. So hat er seinen Aufstieg im Fernsehgeschäft nicht zuletzt seinen guten Beziehungen zu den Sozialisten zu verdanken, die ihm die vielen Zukäufe kleiner Sender und deren spätere Zusammenführung ermöglichten. Auch den Erwerb der Mehrheit an Telecinco hatte Berlusconi einer Gesetzesänderung durch seinen Duzfreund Aznar zu verdanken. Und das Baugeschäft – mit dem Berlusconi einst seinen Reichtum begründete – ist notorisch vom Wohlwollen der Politik abhängig. Sein gesamtes Unternehmensimperium, das außer Fernsehen auch Verlage, Branchenbücher, Filmproduktion, Kinos, den Fußballverein AC Mailand und Finanzdienstleistungen umfasst, ist auf Italien fokussiert. Und dort musste Berlusconi sich auch kaum mit der internationalen Konkurrenz messen. Während die vielen Textilunternehmer oder Schuhhersteller Italiens den Druck der Billigkonkurrenz aus China zu spüren bekamen, musste Berlusconi sich in seinen Geschäftsfeldern so gut wie nie mit ausländischen Wettbewerbern messen. Zudem waren die Margen auf dem Heimatmarkt lange Zeit so gut, dass er das Auslandsabenteuer auch gar nicht nötig hatte. So erklärt sich auch, warum der ehemalige Premier in seiner fünfjährigen Amtszeit nicht ein einziges Mal mit einer Delegation von Industriellen nach China gereist war. Eine Tatsache, die ihm viele italienische Unternehmer noch heute übel nehmen. Einmal hat Berlusconi bereits versucht, mit seinem deutschen Freund Leo Kirch „all’italiana“ vorzugehen. Gegenseitig wollten sie sich über Treuhandfirmen helfen, die jeweiligen Mediengesetze in ihren Ländern auszuhebeln. Eine Erfolgsstory ist die Kooperation nicht geworden, Kirch ist seit langem pleite. Außerdem riskiert Berlusconi bei einem möglichen Engagement in Deutschland auch politischen Widerstand. Als er vor vier Jahren schon einmal erwägte, sein Imperium nach Norden auszuweiten, hatte der damalige Bundeskanzler Schröder ein indirektes Veto eingelegt. Gerhard Schröder ist zwar nicht mehr Bundeskanzler, aber die politischen Vorbehalte gegen Berlusconi sind in Deutschland immer noch da.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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